Zuviel von einer Sache zu sprechen würde auf deren Abwesenheit oder die Dringlichkeit ihrer Gegenwart hinweisen. Das scheint mir auch für den interreligiösen Dialog zuzutreffen. Der wirkliche Dialog beginnt daher dann, wenn die Gesprächspartner nicht mehr das Wort Dialog brauchen; der Dialog wird für sie zur zweiten Natur, einer Art des Seins und des Handelns, das von selbst geschieht. Zwei Freunde, die miteinander sprechen, denken niemals daran, dass sie einen Dialog führen, sie sind Freunde, und das genügt. Freunde sind keine Fotokopien voneinander, da sie doch von Natur aus verschieden sind. Nur Fremde brauchen das Wort Dialog, um die Grenzen zu unterstreichen.
Für mich ist der Dialog sowohl eine göttliche, als auch eine menschliche und eine kosmische Seinsweise, die eine existentielle Bedeutung und Rolle hat. Aus dieser Überzeugung folgt, dass der Dialog nicht nur eine pragmatische Notwendigkeit ist für die Beziehungen von verschiedenen Gemeinschaften untereinander und zur Lösung von Problemen in den Krisen des Zusammenlebens, obwohl dieser Aspekt auch wichtig ist, aber es ist nicht recht, diesen (den Dialog) zu reduzieren auf ein Departement von auswärtigen religiösen oder politischen Angelegenheiten. Der Dialog ist eine Art des Seins und des Handelns, die alles umfasst. Ohne die Unterstützung einer dialogischen Spiritualität, die ihren richtigen Ausdruck in der Theologie und im religiösen Denken allgemein findet, würde der Dialog riskieren, zu einem nebensächlichen und oberflächlichen diplomatischen Schaufenster zu werden.
Ausgehend von dieser Beobachtung, ist der Dialog nicht eine Tätigkeit unter andern Tätigkeiten, sondern eine Form von Religiosität unter anderen Formen von Religiosität. Aber von welcher Art Religion und Religiosität sprechen wir? Bevor wir versuchen, diese Frage (zusammen mit andern Fragen vielleicht!) zu beantworten, beginnen wir damit, den Sinn und die Rolle der Religion zu analysieren.
Ich gehe von einer Voraussetzung aus: die Aufgabe der Religion ist es, uns den letzten Sinn der Welt und unserer selbst zu geben und uns den Beweggrund zu vermitteln, im Licht dieses Sinnes zu wählen und zu handeln. Ich behaupte nicht, dass nur die Religion das Monopol für Lebenssinn und Motivation besitzt. Es gibt religionsneutrale Denkformen, die versuchen, die traditionellen Formen der Religion herauszufordern oder zu ersetzen; man könnte diese als Pseudoreligionen betrachten oder ganz einfach als Religionen im weitesten Sinn des Wortes, solange sie diese religiöse Rolle als Erzeuger von Sinn irgendwie wahrnehmen.
In diesem Zusammenhang betone ich die Einheit der verschiedenen Aspekte von Religion: die Absicht und die Aktion, die Innerlichkeit und das Äussere, die religiöse Erfahrung und deren philosophischen, theologischen, künstlerischen, moralischen, sozialen, politischen etc. … Ausdruck. Diese Einheit erfordert ein gewisses Gleichgewicht und einen gewissen Austausch unter diesen Dimensionen. Ein theologischer Gedanke ohne die spirituelle Erfahrung, zum Beispiel, riskiert, eine Sprache der Macht und der Beherrschung zu sein.
Man kann sich zu Recht fragen, welche Arten von Religiosität einen echten Dialog erlauben, und wann eine Religion oder eine Art von Religiosität zum Hindernis wird..
Ausgehend von meiner Erfahrung und meinem Verständnis der Rolle der Religion behaupte ich, dass das hauptsächlichste Hindernis der Egoismus ist, mit andern Worten, die Zurückweisung, die Angst vor dem andern und der Wille, diesen zu bevormunden, das Eingeschlossensein in den Grenzen des eigenen Ego und das Verhaftetsein in der Besonderheit. In diesem Sinn ist der Egoismus definitionsgemäss antireligiös und ganz einfach satanisch. Das erste Wort, das IblÌs (Satan) auf die Frage Gottes warum er sich geweigert habe, sich vor Adam niederzuwerfen, ausspricht, war: Ich, "Ich bin besser als er, du hast mich aus Feuer geschaffen, ihn aber aus Schlamm". (Koran 7,12 und 38,76). Die erste Sünde ist der Rassismus.
Die ursprüngliche Aufgabe der Religion ist daher nach dieser Überlegung, uns vom persönlichen und kollektiven Ego zu befreien. Man spricht oft vom ersten, und selten vom zweiten:
Erstens, weil die Religionen im allgemeinen den individuellen Egoismus verurteilt haben, aber, da sie Gemeinschaft bauten, haben sie, bewusst oder unbewusst, den Komunitarismus verstärkt, oder, wie wir es heute nennen, das universelle Sippendenken. Wenn eine Gemeinschaft aufhört, ein Raum geistlichen Wachstums zu sein und sich absolut setzt, wird sie zu einer Sippe, einem Gefängnis für die Person.
Zweitens, weil der kollektive Egoismus hinter einem schweren Schleier der Kollektivität versteckt ist, wo die Verantwortung nicht klar ist. Das kollektive Unterbewusstsein kann sich wehren mit nationalistischen oder religiösen Argumenten, weiss, was zu tun ist, um seinen ethnischen oder religiösen Rassismus zu rechtfertigen oder zu verschönern. Letzteres wird oft weniger genannt und darum weniger verurteilt.
Der religiöse Rassismus wird für einige zur "Strenge", zum "Eifer" oder "Glaubenseifer". In gewissen theologischen Kreisen nennt er sich "Exklusivität" oder "Traditionalismus". Manchmal wird er geduldet als eine Form des traditionalistischen und konservativen Stolzes in alten Gesellschaften, eine gewisse theoretische Exklusivität, die sich nicht notwendigerweise in Gewalt umsetzt.
Nichts ist garantiert. Die Erfahrung aus der Geschichte lehrt uns, dass diese sogenannte "moderate" Exklusivität das potentielle Gefäss ist, aus dem die explosive Exklusivität hervorgehen kann. Der Weg zwischen ihnen ist wie der Weg von der Absicht zur Tat, von der Urteilsverkündung zu deren Ausführung.
Andererseits ist auch mit dem religiösen Pluralismus nichts garantiert, denn da ist immer das Risiko, mit den Exklusivisten exklusiv zu sein und so einem Teufelskreis von Gewalt und Gegengewalt zu verfallen, aus dem es keinen Ausweg gibt. Es ist ganz einfach ein Widerspruch.
Der Kampf gegen die Exklusivität als Trägerin des Virus der nationalistischen oder religiösen Gewalt besteht in einer grundlegenden theologischen Arbeit in Verbindung mit einem langen pädagogischen und erzieherischen Prozess. Diese fortschreitende, langsame Veränderung hängt auch von der Kultur und den sozio-ökonomischen Umständen ab. Wir sind uns wohl bewusst, dass soziale Ungerechtigkeit, Hunger, Despotismus, Folter, Korruption etc. keine günstigen Voraussetzungen zur Eröffnung eines Dialoges sind, im Gegenteil, sie sind Faktoren der Revolte und der Ablehnung und nehmen häufig gewalttätige Formen an. Für die Unterdrückten könnte diese Gewalt ein Akt zum Überleben sein, der sie, in extremen Fällen, zu Unterdrückern machen könnte, die so für die andern das, was sie verteidigt haben, wieder hervorbringen.
Im allgemeinen ist der interrreligiöse Dialog nicht im Mittelpunkt der Probleme der gewöhnlichen Leute. Eine Gesellschaft, die auf allen Ebenen an einem gefährlichen Mangel an Dialog leidet, zwischen Staat und Gesellschaft, zwischen Regierung und Opposition, zwischen politischen Parteien, zwischen sozialen Schichten, zwischen den Generationen, zwischen den Gliedern einer Familie, zwischen Nationalisten und Islamisten, zwischen den einzelnen Gruppen verschiedener religiöser Färbung. ... Im Angesicht dieser Knoten interessiert der interreligiöse Dialog, der sich in den Universitäten und den Studienzentren abspielt, die nach Brot und Freiheit hungernden Massen nicht. In diesem Rahmen gehört der Dialog nicht zu den Prioritäten des Volkes.
All das enthält Elemente der Wahrheit; der soziale und politische Aspekt ist vorherrschend, zum Beispiel, in der Art der arabischen Religiosität. Aber das rechtfertigt nicht die Weigerung zum Dialog und die Isolation dieser Menschen. Der Dialog, wie ich vorher sagte, ist nicht punktuell, sondern regelmässig, eine geistige Struktur, ein Geist, der in allen Parteien weht und wirkt. Eine radikale Reform, die die Wichtigkeit des Dialogs nicht berücksichtigt, ist in meinen Augen zum Scheitern verurteilt.
Man kann dem (internen) ökumenischen Dialog zugunsten des interreligiösen entfliehen, weil uns scheint, dass dieser weniger doktrinäre Folgen hat, es ist einfacher, sich mit entfernten Personen zu beschäftigen. Den Dialog ins System einzufügen, ist eine überaus schwierige Herausforderung.
Eine der Formen der Besonderheit, die dem Dialog hinderlich sein kann, ist die kulturelle Eigentümlichkeit. Der Ausdruck "Partikularität" ist neutraler im Vergleich zum Egoismus, aber beide können die Öffnung auf die Allgemeinheit hin verhindern.
Die Flugreise zwischen Tunesien und Rom dauert etwa eine Stunde, aber was wirklich zählt, ist die mentale Reise, die die eigentlichen Entfernung aufzeigt. Die mentale Geographie ist imaginär, die Fälle unserer Träume und Alpträume haben einen bestimmenden Einfluss auf unsere Art des Seins und des Verhaltens. Die imaginären Mauern zu überspringen oder zu durchqueren bedeutet das gleiche, wie der Übergang vom imaginären zum konkreten Christen (die Konkretheit bleibt allerdings relativ), ist meiner Meinung nach das Hauptziel unserer Pilgerreise im Herzen der katholischen Welt.
Das Mittelmeer verbindet und trennt zwei verschiedene Welten. Im allgemeinen (so würde ich etwas vereinfacht sagen) sind die Magreb Länder aufgrund ihrer Geographie und Geschichte, der abendländischen Kultur viel näher, vor allem die städtische Elite, aber diese Kultur wird häufig in ihrer säkularen Dimension gesehen, à la française, in der der religiöse Aspekt zweitranging, um nicht zu sagen, suspekt ist. Jedoch, für die grosse Mehrheit der Magreb Menschen ist das klassische Bild des andern (der spanische el riconquistador und der französische le colon) beinahe unverändert geblieben. Nach einer langen Periode der Okzidentalisierung, im allgemeinen aufgezwungen und oberflächlich, ist die Beziehung zum Okzident zweideutig geblieben: Der Okzident, gehasst und geliebt, verurteilt und verherrlicht, anti-religiös und christlich zugleich.
Die geographische Nähe oder ein langer Aufenthalt im Abendland bedeutet nicht unbedingt eine tiefe und umfassende Kenntnis des andern, solange die Vorurteile und die Erinnerungen ausser Kritik bleiben. Trotzdem sind die kulturellen Pilgerreisen notwendig zur Vorbereitung einer dialogischen Generation. Der Dialog ist heute eine grundlegende Voraussetzung zur Universalität. In der Annahme der Abwesenheit des andern zu leben, ist heute unmöglich.
Ein weiteres kulturelles Hindernis ist die Reichhaltigkeit und der Reichtum des religiösen Erbes, das sich seit Jahrhunderten angesammelt hat. Die religiösen Wissenschaften sind eine reichhaltige Welt, man kann ein ganzes Leben dem Werk eines Theologen oder eines Exegeten widmen.
Mit welchem Teil des Christentums kann ein Moslem seine Studien beginnen, oder umgekehrt? Existiert eine Disziplin der Christianologie parallel zu jener der Islamologie?
Wo kann man all das studieren? Es gibt viele päpstliche Universitäten und Institute, aber wo können wir mit dem Studium des Christentums beginnen? Auch jene, die genügend Zeit haben, ihre akademisch Laufbahn damit von Anfang an zu beginnen: Baccalaureat, Lyzeum, Doktorat, müssen genau wählen zwischen Geschichte, Theologie, Biblischen Studien, Patristik, Spiritualität, Missiologie, Ökumenischen Studien ... und in der Theologie gilt es zu wählen zwischen: Dogmatik, Systematik, Bibliologie, Patrologie, Christologie, Pneumologie, Mariologie ... Man müsste ein Verzeichnis von jeder päpstlichen Universität öffnen, um die Fülle der Auswahl zu sehen, von der von Anfang an eine gewisse Ratlosigkeit ausgeht, die vorübergehend sein kann, die aber gelegentlich eine totale Ablehnung oder eine oberflächliche Kenntnis riskiert.
Das kulturelle Hindernis beschränkt sich nicht auf die Vielfalt der Disziplinen, sondern zeigt sich vor allem im Unterschied der Ausdrucksweisen und der intellektuellen Kategorien. Das Gespräch über christliche Dogmatik ist nicht leicht, vor allem in seiner abstrakten philosophischen Form. Was kann man machen, um ein Thema zu verstehen, das selbst für Christen schwierig scheint? Was sagt mir zum Beispiel die Inkarnation, die Dreifaltigkeit, die Leidensgeschichte, die Kreuzigung, die Auferstehung, die Erlösung ...?
Alle diese kulturellen Schwierigkeiten, der kollektive Egoismus und die paranoide Partikularität, begegnen sich auf der individuellen Ebene, im Herzen des Menschen. Hier hilft die Psychologie, die Lösung zu finden zu den Problemen der Soziologie und der Kultur.
Man kann meine römische Erfahrung vergleichen mit einem Menschen, der aus einem Kontrast aus Licht heraus, ein Zimmer betritt; am Anfang sieht er nichts, und allmählich beginnt er die Dinge zu unterscheiden, dann bemerkt er, dass es da einen Stuhl gibt, auf den er sich setzen kann, dann entdeckt er einen Schalter, um das Licht einzuschalten, und dann sieht er ein interessantes Buch neben dem Stuhl, und beginnt darin zu lesen, und vielleicht würde er auch das Fenster öffnen, um einen wunderschönen verborgenen Garten zu entdecken, und so fort...
Die Entdeckung des Christentums ist für mich kein Universitätsgrad oder eine schöne päpstliche Bibliothek. Gewiss sind die Bücher und die Kurse nützlich und notwendig, aber das Wichtigste ist die menschliche Begegnung, die Freundschaft. Es ist unglaublich und faszinierend: einer Person aus einem andern Kontinent, einer andern Sprache, einer andern Kultur, einer andern Religion zu begegnen... Alles scheint anders und unübertrefflich; trotz alledem kann man sich nicht nur mitteilen, sondern der eine kann sich auch im andern finden, eine transzendente Einheit entdecken, die den Nukleus unserer Menschlichkeit und Göttlichkeit bildet. Wenn wir das Evangelium oder den Katechismus der Katholischen Kirche in die Hand nehmen und sagen: das ist der Christ, so ist das eine sehr dürftige und verfälschende Weise, den Christen zu kennen. Es gibt so viel Unterschiedlichkeit und Vielfalt in der konkreten Welt, nicht nur zwischen rechts Gerichteten und links Gerichteten, Konservativen und Reformfreudigen, Spirituellen und Gesetzestreuen, Häretikern und Rechtgläubigen ... aber auch zwischen einzelnen Personen, zwischen dem einen und dem andern Land ... und so entdeckt man, dass es hinter der traditionellen Klassifizierung der Religionen eine andere Klassifizierung der Religiosität gibt. Es gibt Christen, die ihren Glauben leben auf eine Art, die für mich relevant ist, und mir so eine tiefere Dimension und einen weiteren Horizont für meine religiöse Erfahrung vermitteln. Auf der andern Seite sind andere, die mich an polemische und exklusivistische Moslems erinnern. Wie auch immer man den Dialog führt, man lernt von allen, von den Offenen lernt man die Öffnung und von den Verschlossenen lernt man die Kunst der Geduld.
Dem andern, der so verschieden ist, ganz zuzuhören, auch wenn er beleidigend spricht, ist ein entscheidender Test und eine äusserst wichtige Herausforderung für den religiösen Menschen, die konkret aufzeigt, ob er sich befreit hat vom Egoismus, sei dieser nun individuell oder kollektiv, der oft sehr nuancierte, um nicht zu sagen religiöse Formen annimmt. Der Dialog selber ist eine asketische Form der inneren Reinigung. Einen Dialog zu führen ist ein Weg, unsere Religiosität zu vertiefen, wenn wir die Religion verstehen als ununterbrochene Entdeckung der Gesichter Gottes im Kosmos und im Menschen.
In der Bruderschaft al-Shª¼iliyya bitten die al-murÌd, den Neuling, Wasser in der Moschee zu verteilen. Und ähnlich in Tunesien, in der Moschee al-Zaytñna zum Beispiel, sieht man vornehme Personen, die sich vor dem Volk verneigen, um ihnen in den heissen Sommertagen einen Kelch mit frischem Wasser anzubieten. Diese kleine Geste ist sehr bedeutsam, um den falschen Stolz wegzunehmen. Der Dienst ist das Herz der geistlichen Sendung, der jede imperialistische Tendenz verhindert. Und es gibt keinen Dienst ohne die Demut des Hinhörens.
Eine der grossen Herausforderungen in bezug auf den Dialog ist die Bildung. Wie lehrt man die Religion des andern auf objektive Weise? Gewiss ist die Objektivität relativ, vielleicht ist eine positive Subjektivität nötig. Ich wage zu sagen, dass ein Christ seinen Glaubensgenossen den Islam nicht darlegen kann, und das gleiche gilt für einen Moslem, der das Christentum doziert, ohne ein Minimum an Betroffenheit und Mitgefühl, einen gewissen Sinn von Zugehörigkeit oder der teilweisen Identifikation.
Wir müssen uns auch davor hüten, unsere Überzeugungen zu verallgemeinern, vor allem dann, wenn wir erklären, dass unsere Absichten gut sind. Die Menschheit hat so viele Arten des humanistischen Imperialismus gekannt, einen sanften Imperialismus, der den Anschein geben könnte anti-imperialistisch zu sein, oder noch mehr gegen die harte Version des Imperialismus. Der interreligiöse Dialog erlaubt keine Ausnahmen.
Im interreligiösen Dialog wird vor allem die Gefahr des Relativismus verurteilt, wo die eigene Überzeugung, die jeder in sich trägt, als seine eigene Wahrheit zählt, was bedeutet, dass es keine absolute Wahrheit gibt, sondern einzig die konkrete, einzelne und private.
Ich möchte nicht die sophistische Philosophie verteidigen die sagt, dass es keine Wahrheit hinter der Rhetorik gibt. Aber ich bin mir bewusst, dass unsere Kontexte, Sprachen, Kulturen ... kurz, unsere menschliche Befindlichkeit, uns eingrenzt. Die Wahrheit existiert, besser noch, ist einzig, aber ist auch vielfältig in ihren Ausdrucksweisen und begrifflichen Darstellungen. Gott ist in sich eins, vielfältig in seinen Namen und Ausdrucksweisen. Das lehrt uns Demut, Offenheit und hermeneutische Liebe. Es gibt einen grossen Unterschied zwischen Relativismus, Privatisierung der Wahrheit und das Hervorheben der pluralistischen Natur der einzigen Wahrheit, diese letzte Haltung spornt Dialog und gegenseitige Kenntnis an, wohingegen der Relativismus Eingeschlossenheit im Gehege der kleinen Wahrheiten hervorruft.
Ich möchte Ihnen, immer ausgehend von meiner eigenen Erfahrung, zwei konkrete Beispiele geben, die Brücken der Begegnung und der Kommunikation sein können. Diese zwei Erlebnisse waren für mich sehr nützlich und aufschlussreich zur Fortsetzung meines dialogischen Weges:
Die erste Brücke ist die Eucharistie. Scheint eigenartig! Man fragt sich zu Recht, wie ein Moslem, der weder an die Kreuzigung, an Tod und Auferstehung Christi, noch an seine Gottheit glaubt, die eucharistische Szenerie verstehen kann. Es gibt eine symbolische und doktrinäre Inkompatibilität, die es einer Person, die in der islamischen Bilderwelt aufgewachsen ist, nicht erlaubt, den Sinn zu verstehen, der hinter der Verkleidung des Symbols verborgen ist, und so positiv in der eucharistischen Liturgie miteinander zu handeln, die Symbole werden ganz einfach stumm und taub. Sehen wir einige Beispiele:
Im islamischen Gebet darf man nicht essen, aber die Eucharistie stützt sich auf die Symbolik des Mahles.
Der Wein ist im Islam verboten, aber in der Eucharistie wird der Wein in das Blut Jesu Christi verwandelt.
Das Fleisch einer Person zu essen verbindet sich in der Symbolik des Islam mit der Sünde, von dieser Person in ihrer Abwesenheit schlecht zu sprechen (al-ghÌba).
Auf der doktrinären Ebene. Die grosse Mehrheit der Moslems, mit einigen Ausnahmen, glauben heute, dass die Kreuzigung im Koran kategorisch geleugnet wird, daher glaubt man entweder an den Koran oder an die Kreuzigung. Vor diesem radikalen Widerspruch wäre es besser, dieses Argument zu vermeiden, das als tabu Thema oder als unüberschreitbare rote Linie gilt.
In meinem Verständnis von Religion und Dialog gibt es keine tabu Themen, die nicht diskutiert werden dürfen, vor allem wenn Vertrauen und Freundschaft da sind. Ich glaube nicht, dass die Themen von Kreuzigung und Auferstehung unüberbrückbar sind. Was diese so sensibel macht, ist der Schleier der Geschichte und der Sprache. Es gibt Wahrheiten, die "transkulturell" sind, existentielle Wahrheiten, die sich uns erklären und dem Leben Sinn geben. Die Themen des Leidens, des Todes, der geistlichen Wiedergeburt, der Hoffnung... sind universale menschliche Themen trotz der symbolischen Sprache, die gebraucht wird, um diese auszudrücken, besser noch, sie sind Lebenserfahrungen, die die kulturelle Verschiedenheit übersteigen. In diesem Fall ist es also für einen Moslem möglich, die christliche Ausdrucksweise zu verstehen.
Andere Religionen brauchen verschiedene Ausdrucksweisen, um diese existentiellen Wirklichkeiten zu erklären. Einige Sufis haben die Geburt aus Maria der Jungfrau als Modell des erlösenden Leidens und der geistlichen Neugeburt der wahren menschlichen Identität gebraucht. Die Geburt Jesu Christi, das Weihnachtsereignis, hat hier eine österliche Dimension von Tod und Auferstehung angenommen. Im Schiismus kann man österliche und erlösende Züge finden im Tod von al-Husayn, dem Neffen des Propheten Mohammed. Gelegentlich haben die Mystiker eine erotische Sprache gebraucht, um die Gemeinschaft und Vereinigung mit Gott auszudrücken.
Es ist nicht einfach, die Frage scheint mir manchmal tiefer als ein Unterschied von gedanklichen Kategorien, die Frage ist psychologisch, verwurzelt im Unterbewussten, und die Mechanismen der psychologischen Abwehr nehmen manchmal sehr subtile und indirekte Formen an.
Ich erinnere mich, als ich eben in Rom angekommen war, habe ich versucht, an der Messe teilzunehmen ohne die Kommunion zu empfangen, aber die Menschen geistig zum Altar zu begleiten. An einem bestimmten Punkt überkam mich die Lust mich zu übergeben, es war für mich selber eine überraschende Reaktion, ich hatte mich toleranter eingeschätzt! Mein Unterbewusstsein hat stark und physisch reagiert, ohne mich im entferntesten um Erlaubnis zu bitten. Das hat mich erschreckt, die Entdeckung von verborgenen Gängen und Räumen in der eigenen Seele gibt ein seltsames Gefühl von Instabilität und Unkontrolliertheit. Die Seele ist in einem Zustand der Rebellion, vielleicht ist dies Wahnsinn. Und so riskierte mein neues Abenteuer zum Dialog zu scheitern, nachdem es kaum begonnen hatte.
Vielleicht habe ich eine Blitzkarriere gemacht; mein Wille rasch vorwärts, bis zu den Tiefen der christlichen Erfahrung zu kommen, hat in mir einen psychischen Alarm ausgelöst, auch die Seele hat ihre Antikörper. Vielleicht habe ich die Lehre von der "Transsubstantiation" zu fleischlich und beinahe kannibalisch verstanden. Ich weiss es nicht, aber jedenfalls beschloss ich, nicht mehr zur Messe zu gehen, bis sich die Dinge geklärt hätten.
Nach einigen Monaten beschloss ich, neuerdings, zur Messe zu gehen; ich habe mich gegen meine Schwachheit aufgelehnt, und der Wille, das Abenteuer fortzusetzen, war stärker. Während der Kommunion, und wie das erste Mal auf unvermutete Weise, begann ich ein islamisches Gebet zu sprechen, das abrahamitische Gebet, das man am Ende jedes rituellen Gebets spricht, um den Segen Gottes auf alle Kinder Abrahams herab zu rufen. Ich bin es nicht, die die Lösung gefunden hat, es ist viel eher mein tiefes Ich, das den Punkt der Begegnung gefunden hat zwischen meinem Gebet, der Musik, die in meiner Seele vibriert, und dem christlichen Gebet, der Eucharistie.
Im Dialog ändert man seine Religion nicht, aber man hört auf, diese auf die gleiche Weise, wie zuvor, zu hüten. Die eigene Religion verklärt sich vor den eigenen Augen, als ob die andere ihm neue Augen geschenkt hätte. Deswegen fürchten die Konservativen von allen Seiten den Dialog, weil er in ihren Augen die Ruhe der Seelen stören und sie verunsichern könnte. Die Risiken existieren gewiss, aber das Leben selbst ist ein Risiko.
Das Christentum zu verstehen und zu schätzen, heisst nicht unbedingt, getauft zu sein. Aber in meinem Fall ist das Christentum jetzt ein Teil meiner Formation und meines kulturellen Gepäcks geworden; man kann auch sagen, meiner Identität, wenn wir Identität verstehen als einen komplexen Entwicklungsgang, der das einschliesst, was wir ererbt haben, was wir daraus machen und was wir dazu erwerben. Wenn der erste Schock einmal überwunden und die neue Ausdrucksweise mit ihren Konzepten vertraut geworden ist, kann man auch in diesem symbolischen Raum kreativ sein.
Die zweite Brücke der Verbindung mit dem Christentum ist seine Dimension der Befreiung, die soziale Gerechtigkeit und Solidarität mit den Armen, den Ausgegrenzten und den Unterdrückten. Diese Dimension macht den sprirituellen Aspekt aktiver und bedeutungsvoller, vor allem in den Ländern im Süden der Welt. Aus diesem Grund waren die Theologie der Befreiung, die Schwarze Theologie, die Theologie der Frauen etc... für mich sehr nützlich zu einer verständlichen Rede zum Christentum.
Entlang dieser Linie nimmt das Konzept der da‘wa Mission andere Dimensionen an, wird zu einer Zusammenarbeit zur Realisation oder zur Humanisierung der Menschen und der Menschheit. Was will Gott von uns, gemeinsam? Und welche Art von Menschen wollen wir ausbilden? Vielleicht übertreibe ich etwas, wenn ich von einer interreligiösen Mission spreche; das scheint weit entfernt, aber ich sehe ihre Zeichen heute, trotz der katastrophalen Zeichen die uns umgeben.
Um unser gemeinsames Haus, das himmlische Schiff, zu retten, braucht es den Mut, einen entschlossenen, ausdrücklichen und umfassenden Schritt auf den andern hin zu tun, wie auch der andere uns aufnimmt und in sein Haus einlädt.