Wer sind diese Vertriebenen, mit denen wir einige Augenblicke verbringen werden, um uns von ihnen berühren und belehren zu lassen?
Einige Gesichter.
Da ist Herr X, Asyl suchender Journalist und als politischer Flüchtling aufgenommen in einem Land in Europa: Er prangert die Missbräuche und Korruptionen der Regierung seines Landes an: er wird mit Verhaftung, Folter oder mit dem Tod bedroht. Er musste sein Land verlassen.
Da ist Cäcilia, die mit ansehen musste, wie die Guerillakämpfer ihren Gatten vor ihren Augen und den Augen ihrer beiden Kinder töteten, und die diese sagen hörte: "Wenn du nicht bis morgen verschwunden bist, wird man auch dich und deine beiden Kinder töten." Gezwungen, ihr Heim zu verlassen, kam sie, völlig mittellos, in einem besetzten Gebiet der benachbarten grossen Stadt an.
Da ist Mamadou, dem es nicht gelingt, seine Eltern und seine Familie zu verhalten: er gibt alles her, was er hat, um zum nötigen Platz auf einem der "Todesschiffe" zu kommen, das ihn vielleicht an die italienische, französische oder spanische Grenze bringen wird. Es gibt solche, die entlang der Mauer, die zwischen Mexiko und den USA errichtet wird, das gleiche Drama erleben.
Da ist Kouakou, der davon träumt ein "Star du foot" zu werden, und der beim Durchqueren der Wüste auf dem Weg nach Nordafrika stirbt. Da ist auch sein Freund, der im Fahrgestell eines Flugzeugs, wo er sich versteckt hatte um sein Glück zu versuchen, erfroren, tot, aufgefunden wird.
Es gibt so viele andere, die ihr Glück versuchten und die, nachdem sie, nach einem Leben als blinde Passagier, tausend Gefahren überstanden hatten, der Polizei ins Netz gerieten und, die Schande im Gesicht und Hoffnungslosigkeit in ihren Herzen, zwangsweise zurück geschafft wurden in ihre Ursprungsländer. Bei der ersten Gelegenheit werden sie ihr Glück von neuem versuchen.
Es gibt in allen Teilen der Welt Flüchtlinge aus Ländern, wo Krieg, Bürgerkrieg oder andere Konflikte herrschen, welche die Zahl derer, die in den Flüchtlingslagern entlang der Grenzen in unmenschlichen Verhältnissen leben, noch weiter anwachsen lassen.
Es hat Kolonien von Migranten, die in Nordfrankreich in grösster Armut in der Umgebung von Bahnhöfen und Häfen leben, in der Hoffnung, den Kontrollen zu entgehen und nach England zu gelangen... Sehr oft werden sie beim Eintritt je nach der Nachsicht, falls diese existiert, verurteilt, und kommen schliesslich zu jenen, welche die Zahl der Menschen ohne festen Wohnsitz vergrössern, die jede Verbindung mit ihren Familien abgebrochen haben und dem Gefühl des Scheiterns und der Rechtlosigkeit überlassen sind.
Da sind die Papierlosen, die gehetzt sind aus Angst vor einer Verhaftung; die Frauen aus den osteuropäischen oder andern Ländern, die durch betrügerische Rekrutierer bei der Einreise getäuscht wurden und der Sklaverei der Prostitution verfallen; die Tausende von Arbeitenden in geheimen Werkstätten, die wie Sklaven ausgebeutet werden und als illegale Einwohner zum Schweigen verurteilt sind. Unter all diesen, das weiss man, sind es vor allem die Frauen, die den verschiedenen Misshandlungen besonders ausgeliefert sind, der Diskriminierung und der wirtschaftlichen und sexuellen Ausbeutung.
Die Liste ist noch lang, und jede kann vor ihren Augen Gesichter und Erinnerungen von ähnlichen Situationen vorbeiziehen lassen.
Das sind also die Vertriebenen auf dem Exodus in ihrem eigenen Land, im Innern des gleichen Kontinentes, oder Vertriebene, die in andere Länder oder Kontinente emigrieren, jene, die um Asyl ersuchen, Verbannte, politische oder Gewaltflüchtlinge, das sind die Migranten aus dem Elend ... Von diesen sprechen wir.
Das Phänomen der Migration ist nicht neu. Es hat schon immer existiert. Ganze Nationen und Völker haben sich wunderbar geformt, indem sie Vertriebene und Migranten integrierten.
Dennoch ist diese Frage heute wegen dem Ausmass des Migrantenstromes entscheidend geworden, einem Strom, der nicht aufhört zu wachsen.
Auf der Ebene der ganzen Welt Zahlen zu nennen ist schwierig. Man hat jene des UNO Hochkommissariat für Flüchtlinge, des HCR, das im Jahr 2004 die Zahl der Flüchtlinge mit 19 Millionen bezifferte. Aber diese Zahlen beziehen sich nur auf die Kategorie der Flüchtlinge, die als Folge von bewaffneten Konflikten in etablierten Lagern untergebracht sind. Der Flüchtlingsdienst der Jesuiten erhöht die Zahl der Vertriebenen und der Flüchtlinge auf 45 Millionen, aber alle Kategorien von Migranten sind nicht eingerechnet. Tatsächlich bezifferte die UNO die Zahl der Migranten in der Welt im Jahr 1980 mit 99 Millionen, im Jahr 2005 müssten es 191 Millionen gewesen sein.
Die Frage ist entscheidend, da es sich mittlerweile um ein weltweites Phänomen handelt. Sie betrifft sehr viele Länder, wenn nicht gar alle, sowohl im Norden als auch im Süden.
Ich wage es nicht, die am meisten betroffenen Länder zu benennen. Auch wenn in diesen letzten Monaten Darfur und Sri Lanka in den Vordergrund gerückt sind, geschehen massive Vertreibungen von Menschen, die nicht bekannt werden, weil sie von den Medien nicht weiter gegeben oder weil diese Informationen unterdrückt werden.
Es ist auch schwierig, die betroffenen Länder zu benennen, weil die Frage der Einwanderung von zwei verschiedenen, aber untrennbaren Gesichtspunkten aus gesehen werden sollte:
vom Gesichtspunkt jener, die ihren Geburts- und Wohnort verlassen,
und vom Gesichtspunkt jener, zu denen man geht und um Asyl ersucht.
Es macht den starken Anschein, dass wir alle hier, von den zwei Versionen dieses Problems betroffen sind: der Abreise und der Ankunft. Sie gehören zusammen, aber sie betreffen uns auf verschiedene Arten, je nach dem Teil der Welt, in dem wir wohnen. Ich möchte dies wachrufen, damit wir im Angesicht dieses schweren menschlichen Problems nicht einer Vereinfachung verfallen.
Welches sind die Probleme, die die Einwanderung aufwirft und die sich sowohl den Einzelnen als auch den Staaten stellen?
Jenes der globalen schreienden Ungerechtigkeit zwischen reichen und den armen Ländern, im Norden wie im Süden. Bis wann und bis zu welchem Punkt haben jene das Recht, ihre Grenzen zu schliessen und sich zu schützen vor dem, was gewisse Leute ohne Zögern Invasion nennen?
Jenes der Sicherstellung in den Aufnahmeländern für gute Integrationsbedingungen für die Einwandernden. Bis zu welchem Punkt kann man würdige Bedingungen gewährleisten in bezug auf Wohnen, Arbeit, Erziehung und Ausbildung der Kinder?
Jenes der Fähigkeit des Zusammenlebens in den Ortschaften und Städten, wo sich verschiedene Kulturen, verschiedene Lebensstile, verschiedene Religionen mischen, und wo die Gewalt plötzlich ausbrechen kann durch die Gewalt des Unverstanden Seins und der Frustrationen.
Das Problem der zu verändernden Mentalitäten im Aufnahmeland aber auch unter den Neu Ankommenden: wie kann Rassismus und Verachtung der andern Kulturen, Diskriminierung aufgrund der Hautfarbe, der Aussprache oder der Religion vermieden werden? Mentalitäten sind zu verändern auch damit die Bevölkerung die Einwanderung nicht unter dem damit verbundenen negativen Aspekt der Probleme sieht, sondern auch aus dem Blickpunkt des positiven und konstruktiven Beitrags für das Aufnahmeland.
Jenes der Beziehungen zwischen den Herkunftsländern der Einwanderer und den Aufnahmeländern, die neuen politischen und wirtschaftlichen Beziehungen, die neuen Partnerschaften im Blick auf eine lokale Entwicklung, die fähig ist, eine Umkehrung der Migrations Bewegung herbeizuführen: das heisst, dass die Länder, anstatt ihre Grenzen für Immigranten zu schliessen, die armen Länder unterstützen in ihrem Bemühen, für sich eine Wirtschaft zu schaffen, die einen anständigen Lebensunterhalt für alle garantiert. In dieser Beziehung darf man nicht vergessen, dass auch in der gegenwärtigen Situation, die Migranten mächtig zur Entwicklung ihrer Herkunftsländer beitragen. Sie helfen nicht nur ihren Familien, sondern sie gründen auch oft Vereinigungen, die bei ihnen Kleinunternehmen finanzieren: kleine Geschäfte, Werkstätten, Kleinunternehmen etc.
Und es gibt noch viele andere Probleme, denen man sich stellen und die man lösen muss...
Und was hat diese Frage schliesslich jetzt mit uns hier zu tun?
Nur allein schon vom menschlichen und ethischen Standpunkt aus kann sie uns nicht gleichgültig lassen. Aber es geht weiter. Als Glaubende, Jüngerinnen Jesu, getauft, geweiht, als Zeuginnen des Evangeliums gesandt, haben wir die Verantwortung, uns zu engagieren.
Es ist uns nicht unbekannt, dass das Alte Testament oft vom Einwanderer, vom Fremden, spricht. Abraham verlässt auf den Anruf Gottes hin sein Land und wird fremd in einem Land, das er nicht kennt. Jakob und seine Söhne ziehen nach Ägypten hinab, um der Hungersnot zu entgehen. Ihre Nachkommen lernen das Schicksal von verachteten Immigranten, die der Zwangsarbeit unterworfen und in die Sklaverei getrieben werden bis zum Tag, an dem Jahwe dem Mose befiehlt, sie zu befreien. Es folgt ein langer Exodus in der Wüste vor dem Land der Verheissung, wo es gilt, die Niederlassung zu erkämpfen. Wie wurde ihre Ankunft im Land der Verheissung von den Eingeborenen von Kanaan empfunden? Die Bibel sagt nichts davon, aber man kann sich fragen...
Wir werden nicht die Geschichte Israels durchgehen, aber man weiss, dass die Immigration ein Teil der Geschichte des Volkes ist, mehr noch, sie ist Teil seines Glaubensbekenntnisses. In Deuteronomium 26 lesen wir: "Du aber sollst vor dem Herrn, deinem Gott, folgendes Bekenntnis ablegen: "Mein Vater war ein heimatloser Aramäer. Er lebte als Fremder" dann in Lev 19,34: " Dieser Fremde, der sich bei euch aufhält, soll euch wie ein Einheimischer gelten, und du sollst ihn lieben wie dich selbst; denn ihr seid selbst Fremde in Ägypten gewesen"... Die Witwe, die Waisen und der Fremde werden zusammen genannt, als ob auf sie die besondere Aufmerksamkeit gerichtet werden sollte: sie gehören zu den Armen, den Kleinen, zu jenen, die man schützen muss.
Das Neue Testament führt uns Jesus von Augen, der anlässlich einer zufälligen, von der politischen Autorität angeordneten Reise, geboren wurde und der vor der Gewalt des Herodes fliehen und ins Exil gehen musste... Durch Gleichnisse, die seine Zuhörer beunruhigten, durch einige symbolische Handlungen, störte er das gute jüdische Gewissen, das überzeugt war, dass der Fremde vom messianischen Heil ausgeschlossen war. Man denke an den Barmherzigen Samariter, an die Syro-Phönizierin, an den Centurion, an die Anspielungen, die er bezüglich der Witwe von Sarepta macht, an Sodoma, Tyrus und Sidon, die heidnischen Städte, die noch vor Israel ins Reich Gottes kommen werden.
Das sollte mehr als genügen, unser Interesse und unsere Verantwortung in bezug auf dieses ernste weltweite Problem der Vertriebenen und Flüchtlingen aller Art zu verwurzeln.
Kehren wir zurück zu uns andern hier und zu den Schwestern unserer Kongregationen:
Wann, wo, wie habe ich selber die Erfahrung gemacht, entwurzelt, fremd, verloren zu sein in einem Land das nicht das meine war? Wie habe ich mich damals gefühlt? Was hat mir damals geholfen, mich wieder zu finden und mich bald einmal daheim zu fühlen?
Welche Schreie, Verzweiflung haben wir gespürt in bezug auf diese Vertriebenen? Sind wir bereit, für sie in unserm Leben, in unsern Niederlassungen, in unsern Budgets, Platz zu geben? Dieser Platz existiert vielleicht schon, aber wie können wir noch weiter gehen?
Welche Massnahmen können wir uns für uns selbst und für unsere Schwestern vorstellen bezüglich dieser weltweiten Herausforderung?
Erinnern wir uns an Matthäus 25: Ich war hungrig, durstig, ich war nackt, krank, im Gefängnis, ich war fremd...
- Jüngerinnen Jesu, Ordensfrauen, lasst uns den Scharen von ungenannten Männern und Frauen beitreten, welche die Botschaft des Evangeliums nicht kennen, die aber im Fremden ihresgleichen und damit den Herrn selber aufnehmen!
Das ist ein Faden, den wir anzetteln, ein Zeichen, das wir geben, eine geistliche Linie, der wir folgen, eine Gabe des Geistes, die wir empfangen, um mit unseren Brüdern und Schwestern der ganzen Menschheit das Reich Gottes, das Pfingsthaus, zu bauen.