Es ist mir eine grosse Freude und Ehre, an dieser Vollversammlung der UISG teilzunehmen, die sich Gedanken macht, über die Lebensbedingungen von Menschen, die oft als Ausgegrenzte gelten. Mit dem mir gegebenen Thema über die Frau, die zu den Ausgegrenzten gezählt wird, hoffe ich, durch einige Überlegungen und Beobachtungen meinen kleinen Beitrag zu leisten auf der Suche nach Elementen einer möglichen Antwort.
Aber es ist vielleicht nützlich, gleich zu Beginn dieser kurzen Darlegung klar zu werden über das, was wir in diesem Kontext unter "Spiritualität" verstehen. Handelt es sich um eine Denkweise, die unser Leben und Handeln beeinflusst? Für mich scheinen die Ausdrücke 'Verhalten' und 'Haltungen' konkreter und passender als 'Spiritualität', die vorgeschlagen oder angeboten wird, um Hoffnung und Leben für alle zu erzeugen. Ich begebe mich in diese Ecke und werde sprechen über die Frau mit vollen und schwieligen Händen. Es ist jene, die zu vielen verschiedenen Verantwortungen gerufen ist, oft unter schwierigen Umständen, egal, wo sie sich befindet, oder welcher Nation auf unserm Planeten sie angehört. Sie ist Ernährerin und Verteidigerin des Lebens. Sie ist berufen, die Barmherzigkeit Gottes zu einem weltweiten Wert und einer Realität zu machen, indem sie dort, wo Gewalt herrscht, Bande des Friedens einwebt.
Zum Lob von Johannes dem Täufer sagte Jesus: "Das sage ich euch, unter den von der Frau Geborenen ist keiner grösser als Johannes […]" (Mt.11,11).
Jesus bezeichnet sich selbst als 'Sohn des Menschen', um seine Menschwerdung, durch die er "Mensch unter Menschen" (Ph.2,7) geworden ist, zu unterstreichen: andererseits nennt er Johannes den Täufer 'Sohn der Frau'. Ich erlaube mir eine freie Interpretation dieser Aussage; ich sehe darin ein Hinweis auf die Grösse dieses speziellen Wesens, das ' die Frau' genannt wird.
Wer ist sie?
In der Beantwortung dieser Frage haben wir bestimmt die Tendenz, an alle diese Damen und jungen Mädchen zu denken, die wir in den Strassen und an andern Orten in unsern Städten und Dörfern antreffen. Aber denken wir doch auch an die Tatsache: Die Frau "Das bin ich!" "Das bist du!" "Das sind wir!" Wir brauchen sie nicht weit weg zu suchen; sie ist unter uns, sie ist in uns, denn wir alle, die wir in diesem Saal versammelt sind, sind sie. Jene, an die wir denken, ist unsere Schwester. Die vielen verschiedenen Bilder, die auftauchen sind ein Beweis für diese besondere Eigenart, die die Frau gut definiert als ein Wesen mit vielfältigen Gesichtern.
Trotz dieser Vielfalt von Gesichtern ist es wichtig, zu jedem einen Namen hinzuzufügen; aber welchen Namen sollen wir ihm geben? Begnügen wir uns im Moment damit, sie durch eine willkürliche Kategorisierung vorzustellen, die keine Logik hat. Wir folgen der einfachen Feststellung, von dem, was wir um uns herum sehen:
"Frauen der Felder, Frauen der Flüsse": (das ist ein unbeholfener Ausdruck im Gedicht: ‘Schwarze Frau, Afrikanische Frau’ von Camara Laye, einem Schriftsteller aus Senegal). Das sind alle jene Bäuerinnen, die ganz abhängig sind von der Erde und ihren täglichen kleinen Anstrengungen zum Überleben.
Erste Damen oder Bürgerinnen ihrer Länder: Gattinnen von Staatschefs;
Politikerinnen: Königinnen, Ministerinnen, Abgeordnete, etc
(Báási ya kilo): Frauen mit Gewicht: einflussreiche und reiche Frauen, grosse Händlerinnen, Gattinnen von berühmten Personen;
Witwen und geschiedene Frauen: sehr oft haben sie ähnliche Schicksale, sie sind sich selbst überlassen, geraten in Vergessenheit und tragen allein die Verantwortung für die Erziehung ihrer Kinder. Es sind die Frauen ohne Rechte und ohne Stimme.
Prostituierte, Opfer von Frauenhandel, misshandelte Frauen; Sie geben sich gegen Bezahlung freiwillig oder gezwungen der Prostitution hin. Sie sind eine Ware, die verkauft oder nach Lust und Laune des 'Eigentümers' zerstört werden kann..
Vergewaltigte und ausgegrenzte Frauen. Sie stellen eine grosse Anzahl von Frauen dar, die Opfer sind von verschiedenen Formen der Demütigung, der Entmenschlichung und der totalen Verweigerung der Anerkennung ihrer Würde in den Länder, wo Terror aufgrund von Krieg und Gewalt herrscht. Sie haben eine Anzahl Monate damit verbracht, gegen ihren Wunsch mit Soldaten und andern Eindringlingen in ihren Ländern zu verbringen. Dann wurden sie sich selbst überlassen und von ihren Familien verstossen. In diese Kategorie muss man auch eine bedeutende Anzahl Kinder einschliessen.
Irregeführte Frauen durch eine ganze Palette von hinterlistigen und schlauen Bösewichten.
Frauen des geweihten Lebens: Das sind wir alle hier, sowie unsere Mitschwestern in unsern Gemeinschaften daheim.
Gebildete Frauen, eine kleine Minderheit, verglichen mit der Gesamtheit von Frauen in vielen armen Ländern; etwas mehr in den entwickelten Ländern. Diese haben die Möglichkeit, eine ehrliche Arbeit zu verrichten.
Frauen… : Es gibt noch so viele, für die es keine besondere Bezeichnung gibt. In meinem Land würde man sie einfallsreiche Frauen nennen. Sie sind überall und nirgends; sie arbeiten viel, aber ihre Arbeit hinterlässt keine Spuren in der Gemeinschaft, in der sie leben; sie ändert nichts in ihrem Leben.
Wer sind sie auf der sozialen Ebene?
Auf der sozialen Ebene findet man sie sozusagen überall, denn wir machen die Hälfte der Menschheit aus, aber weder die Gesetze, noch die Rechte stellen sie mit der andern Hälfte gleich. Oft ist die Frau auf der sozialen Ebene nicht einmal sichtbar, auch wenn sie diejenige ist, die die schwerste Last des Tages trägt. Es stimmt, dass es eine kleine Anzahl sichtbarer Frauen gibt, die ich als die "Ausnahme" bezeichne, die auf dem Gipfel irgend einer Pyramide sind und die von Zeit zu Zeit die Gesellschaft prägen. Aber es gibt eine grosse Anzahl, beinahe zwei Drittel aller Frauen, die nicht zählen. Sie werden oft unsichtbar gemacht, weil man sich weigert, ihre Talente und Kompetenzen anzuerkennen und zu schätzen; jene, die sogar bekämpft werden. Es gibt also keinen Raum für diese, sich zu entwickeln. Das erklärt ihre offensichtliche Abwesenheit von der Gesellschaft. Das sind die Frauen mit vollen Händen, denn sie haben viel zu geben, um unsere Welt aufzubauen und neu zu bauen; aber ihre Hände sind schwielig geworden durch die Arbeit, den Kampf gegen die ungerechten Gesetze und Strukturen, die sich stark machen für die Ungleichheit der Menschen und sie so daran hindern, wirklich zu leben. Das hat ihre Schönheit beeinträchtigt, das heisst, ihre Würde.
Ein kurzer Blick auf die Wirklichkeiten und Erfahrungen in unserer Welt, quer durch die verschiedenen Gesellschaften, genügt, um sich zu fragen: Wo ist jene Grösse der Frau, von der Jesus sprach? Gibt es einen Grund für die Tatsache, dass sie so verhöhnt wird durch eine ganze Menge von Massnahmen bis ins kleinste Detail? Woher kommt die Überzeugung, dass die Frau ein minderwertiges Wesen ist und entsprechend behandelt werden muss?
Die sozialen Gesetze, die Bräuche, die Gedankengänge sind auf dieser Frage festgefahren und dienen sogar auch als Bezugnahme. Mit einigen Ausnahmen, wie gesagt, ist die Grösse der Frau eine hohle Phrase, gut auf dem Papier. Die Wirklichkeit ist ganz anders: Die Identität der Frau ist oft jene des Opfers, der Ignorierten und der Abwesenden an Orten und Foren, wo wichtige Entscheidungen getroffen werden, sogar wenn diese ihr eigenes Leben direkt betreffen. Die Frau ist das Wesen, das durch die Last ihrer Lebensbedingungen niedergebeugt ist.
Die unglücklichste Feststellung ist die Tatsache, dass in vielen Fällen die Frau selber zu ihrem Unglück beiträgt durch unüberlegte Handlungen der Unterwerfung, die ihre Würde nicht achten. "Und siehe, da war eine Frau ... sie war gekrümmt und sie konnte nicht mehr aufrecht gehen …"
Und jetzt … was machen?
Das ist die Frage der Menschen, die sich in Jerusalem versammelt hatten, nachdem sie die Rede des Petrus gehört hatten (Apg.2,37). Wir stellen uns diese gleiche Frage. Aber, bevor wir eine Antwort versuchen, fragen wir uns: Habe ich irgendwelchen Anruf gehört? Woher kommt er? An wen richtet er sich? Bin ich besorgt über diesen Anruf? In welchem Ausmass? Es gibt kein Mittel zur Antwort wenn wir keinen Anruf gehört haben, keinen Notschrei. Die Frage kann variieren: Das 'Was machen'? kann sich wandeln in 'Wo stehe ich diesbezüglich?' Wo ist mein Platz hier drin? Erinnern wir uns, 'dass diese Frau ich selber bin, dass sie meine Schwester ist!
Eine Person, die von ihrer eigenen Last niedergedrückt ist, kann nur bitten, davon befreit zu werden, oder wenigstens ihre Last zu verringern. Hier suchen die gekrümmten Frauen, sich aufzurichten durch volle Hände, die ihnen zu Hilfe kommen; durch die Hände der Personen- Schwestern, die sich ihnen nahen, um ihnen Gesellschaft zu leisten, den Weg gemeinsam unter die Füsse zu nehmen, Hände von Personen, die sie verstehen und die sie lieben.
In dieser Situation finde ich meine Interpretation des Ausdrucks ‘neue Spiritualität’, wie er gebraucht wird im Thema unserer Überlegungen. Für mich handelt es sich hier um eine 'neue Art zu denken', die unser Leben beeinflussen und Massnahmen ins Leben rufen könnte, (nachdem wir schockiert sind über das, was sich in unsern Lebensbereichen abspielt). Es sind vor allem konkrete Haltungen, die es anzunehmen gilt, die zu Taten der Veränderung der Situationen führen, damit neue Hoffnung und neues Leben für alle entstehen kann.
Einige Haltungen des Vertrauens für die Zukunft
Die gekrümmten Frauen sind nicht von heute; Jesus ist schon vor über zweitausend Jahren solchen begegnet. Aber, nachdem sie Jesus einmal begegnet waren, begann für sie ein neue Leben, denn er setzte ihren leiden ein Ende: "Weine nicht", sagt er zur Witwe von Naim, die gekrümmt war vor Traurigkeit über den Tod ihres einzigen Sohnes (Lk7,14). Er hat dem Sohn und der Mutter das Leben zurückgegeben.
In der Nachfolge dieses Jesus sind wir eingeladen, diesen gekrümmten Frauen in unsern Gesellschaften zu begegnen, die auf Heilung hoffen, wenn sie wieder finden können:
- ihren eigenen NAMEN: Bis jetzt werden sie bezeichnet mit bedauernswerten Adjektiven, die sie an ihr Elend erinnern und Schuldgefühle aufkommen lassen, wie "Geschiedene"; "Prostituierte"; "Geschändete"; "Betrogene"; "Verlassene" etc. Jesus hat sie immer mit Namen angesprochen, die ihnen ihren wahren Wert zeigte: "Tochter Abrahams" (Lk 13,16) ; "Meine Tochter" (Mt 9,22).
- ihren angemessenen RAUM: die Frau hat einen Raum, die für sie einzigartig ist und der verschieden ist je nach Gesellschaft und Epoche in der Geschichte. Was sie nicht verwirklicht, wird nicht verwirklicht werden.
Was müssen die hier versammelten Ordensfrauen tun, um ihren ausgegrenzten Schwestern zu helfen, ihren Platz auf angemessene Weise einzunehmen?
- ihre WÜRDE: Sie werden nur dann von neuem Frauen werden können, wenn sie dieses Leben spendende Wort hören: "Frau, du bist von deinem Leiden erlöst" Lk 3,12). Jetzt können sie entdecken und schätzen lernen, wer sie sind und was sie zu eigen haben. Das Übrige wird folgen.
Man soll die Zukunft der Frau nicht durch theoretische Gedankengänge bestimmen wollen. Es braucht kühne solidarische Taten, um gemeinsam den Weg unter die Füsse zu nehmen auf die Wiederentdeckung dieser Grösse zu, die so lange verkannt worden ist.
Sind wir bereit, dieser gekrümmten Frau vor uns zu begegnen? Sie ist eine von uns! Wir alle sind sie..