Zu Beginn möchte ich dem Organisationskomitee für die Einladung danken, zu dieser Versammlung zu sprechen. Ich sagte mit einem gewissen Zögern zu, und das nicht nur, weil ich ein Mitglied eines Männerordens bin, sondern zudem auch nie "General", nicht einmal "Oberst" war ich bin eben ein gewöhnlicher Soldat! So spreche ich Sie in aller Einfachheit an als Bruder auf unserem gemeinsamen Weg, auf dem Hintergrund einer 40-jährigen Erfahrung im Ordensleben, von denen ich 35 Jahre als Missionar vom Göttlichen Wort in Brasilien verbrachte. Ich danke Ihnen für Ihren Willkomm zu diesem wichtigen Ereignis, das wichtig ist, nicht nur für das Ordensleben in aller Welt, sondern auch für die Kirche, und deshalb für das Reich Gottes.
Weben bedeutet, aus alten und neuen Fäden neue Muster zu schaffen
Der Titel dieser Konferenz gibt uns einige Hinweise für unsere Überlegungen. Zunächst einmal der Ausdruck “Herausgefordert” denn Herausforderungen wachsen nicht aus einem Vakuum, sondern aus konkreten Situationen. Was fordert uns, als Ordensleute, heute heraus? Mir scheint, dass es da eine zweifache Ursache gibt die eine, die sich ergibt aus der Natur des Geweihten Lebens selber, und die andere, ist die konkrete Situation grosser Massen von leidenden Menschen, die durch das vorherrschende wirtschaftliche Modell unserer globalisierten neoliberalen Gesellschaft ausgeschlossen sind von einem anständigen Leben. Gerade so, wie Jahwe vor über tausend Jahren sich "herausgefordert" fühlte durch den Schrei seines Volkes in Ägypten, so ist das Ordensleben, verstanden als die radikale Nachfolge des Projektes Gottes im menschgewordenen göttlichen Wort, herausgefordert durch den betäubenden Schrei von Millionen oder sogar Billionen von leidenden Menschen. Aus dieser Natur des Ordenslebens fliessen die andern Herausforderungen. Wie wir unserer wirklichen Identität treu sein können liegt nicht in erster Linie in unsern Gelübden oder in unseren Werken, sondern ganz einfach in unserer Art des Christseins. Nach dem Zweiten Vatikanischen Konzil gingen wir durch Jahre der Reformen, aber es ist jedem aufmerksamen Beobachter klar, dass sich der Impuls zur Reform nun erschöpft hat, dass die wirkliche Krise andauert, und dass es notwendiger ist denn je, die Identität und den Sinn des Ordenslebens zu klären.
Ein weiteres Schlüsselwort im Titel ist "weben". Die Tätigkeit des Webens beinhaltet die Schaffung von etwas Neuem aus verschiedenen Fäden, die so verschlungen werden, dass ein neues Tuch entsteht. So müssen wir also einige grundlegende Elemente kennen, wenn wir wirklich wünschen, ein neues Tuch zu weben, eine Spiritualität, die der Komplexität in den Herausforderungen des modernen Lebens gerecht wird, und zugleich Hoffnung und Leben für alle erzeugt. Wir könnten dann vielleicht entdecken, dass viele Elemente dieser neuen Spiritualität tatsächlich gar nicht so neu sind, sondern eher sehr alt, aber vernachlässigt oder im Lauf der Jahrhunderte überhaupt aufgegeben wurden. Die Tatsache, dass wir eine Spiritualität suchen, die "erzeugt" beinhaltet, dass sie nichts Vorgefasstes, mit allen Antworten Versehenes sein kann, sondern vielmehr, dass wir wünschen in die Dynamik unseres Gottes einzutreten, der ständig erschafft, wie er in den prophetischen Worten von Deutero-Jesaia schalt: “Seht her, ich schaffe etwas Neues; schon spriesst es hervor, merkt ihr es nicht?”(Jes 43, 19).
Oder wie Paulus sagte: "Die ganze Schöpfung liegt bis heute in Geburtswehen” (Röm 8,22) und unsere Spiritualität erfährt diese Geburtswehen. Zudem bringt uns die Suche nach einer Spiritualität, die Hoffnung und Leben erzeugt, in Einklang mit Jesus der, in den Worten des vierten Evangeliums seine Sendung umschrieb als Zusicherung, "dass alle das Leben haben, Leben in Fülle" (Joh 10,10). Vielleicht war eine solche Spiritualität nie notwendiger als jetzt, da wir uns der Passivität und der Hoffnungslosigkeit so vieler Menschen und Nationen gegenüber sehen, die mit der zermürbenden Unterdrückung einer neoliberalen Dampfwalze konfrontiert sind. Passivität und Machtlosigkeit sind Gefühle, denen wir heute oft begegnen sogar zu einem grosse Teil auch in Kirche und Ordensleben. Das fordert uns dazu heraus, unsere Herzen brennen und unsere Augen wieder öffnen zu lassen, wie dies mit den Jüngern auf dem Weg nach Emmaus geschah.
Das Wort Gottes immer neu
Für mich ist klar, dass das Rückgrat jeder erneuerten Spiritualität, ob wir diese neu nennen oder nicht, das Wort Gottes ist. Seit Jahren besteht die Kirche darauf, dass wir unsere Spiritualität auf dieser Grundlage aufbauen. Das monumentale Dokument Dei Verbum (monumental, nicht wegen seiner Länge, sondern wegen seiner Wichtigkeit) forderte, dass das Wort Gottes wieder die Seele der kirchlichen Theologie und Verkündigung, und die Bibel in die Hände der Laien zurück gegeben werde. Mehr als vierzig Jahre sind vergangen, aber es ist noch immer klar, wie viel auf diesem Gebiet noch zu tun ist, nicht nur in bezug auf die Laien, sondern auch auf die Ordensleute. Zwar wäre es schwierig, die diesbezüglichen Anstrengungen in aller Welt von seiten verschiedener Instanzen des Ordenslebens zu übertreiben. Man denke an die vielen Angebote von Programmen (wie zum Beispiel das siebenjährige Programm "Dein Wort ist Leben" durch die brasilianische Ordenskonferenz, oder an “Auf dem Weg nach Emmaus” von CLAR), deren Ergebnisse, mindestens aus der Anzahl von Teilnehmenden, vor allem aus Männerorden, zu schliessen, relativ mager waren. In einem Konferenzzentrum ganz in der Nähe, rief die ausserordentliche Versammlung des katholischen Bibelbundes im September 2005 dazu auf, das Gedenkjahr 40 Jahre nach Dei Verbum zu feiern, studierte das Thema “Der Platz von Gottes Wort im Leben der Kirche” und ersuchte den Heiligen Vater für die nächste Bischofs Synode als Thema "Das Wort Gottes" zu wählen ein Appell, der von einigen wichtigen Bischofs Konferenzen unterstützt und von Papst Benedikt XVI. angenommen wurde. Im Kontext dieser Versammlung kann es sich lohnen, über den Begriff nachzudenken, der dem Ausdruck "Wort" zugrunde liegt.
Unser erster Bezugspunkt ist das Wort Gottes mit besonderem Akzent auf dieses Wort wie es zu uns kommt in der Heiligen Schrift. Im Alten Testament war das Wort Gottes nicht Objekt einer abstrakten Spekulation, wie es in andern philosophischen Strömungen, wie dies im "Logos" der alexandrinischen Philosophen der Fall war. Es war vor allem eine Erfahrung! Gott spricht direkt zu Männern und Frauen, zu seinem Volk als solchem, und zur ganzen Menschheit.
Das Wort Gottes ist Mitteilung, Selbstausdruck und Heilsereignis: “Denn wie der Regen und der Schnee vom Himmel fällt und nicht dorthin zurückkehrt, sondern die Erde tränkt und sie zum Keimen und Sprossen bringt, wie er dem Sämann Samen und Brot zum Essen gibt, so ist es auch mit dem Wort, das meinen Mund verlässt: Es kehrt nicht leer zu mir zurück, sondern bewirkt, was ich will und erreicht all das, wozu ich es ausgesandt habe. (Jes 55,10-11).
So können wir sagen, dass das Wort Gottes von zwei Gesichtspunkten aus betrachtet werden kann, die verschieden, aber unzertrennlich sind - es offenbart und es handelt. Es offenbart, wer der wahre Gott ist durch sein Handeln. Der Gott der Juden ist nicht wie der Gott der Philosophen, weit weg, unveränderlich, Objekt von kalter und objektiver Analyse, sondern ein Gott, der sich in der menschlichen Geschichte offenbart, indem er in seiner Schöpfung handelt, in seiner Befreiungstat, in seinem Wort, das zusammenruft. Das wird klar aus den Texten, die wir als Schlüssel zur gesamten Schrift sehen können, weil der Rest der Bibel die Konsequenz und die Ausführung in der Geschichte dieses Abschnitts ist: “Ich habe das Elend meines Volkes in Ägypten gesehen und ihre laute Klage über ihre Antreiber habe ich gehört; ich kenne ihr Leid. Ich bin herabgestiegen, um sie der Hand der Ägypter zu entreissen ” (Ex 3, 7-8).
Das Wort, das “sein Zelt unter uns aufschlägt”
Dieses “Herabsteigen” des biblischen Gottes findet seinen Höhepunkt in der Inkarnation, wie wir im Prolog des Johannes Evangeliums lesen: “Im Anfang war das Wort, und das Wort war bei Gott, und das Wort war Gott,... und das Wort wurde Fleisch und schlug sein Zelt auf unter uns” (Joh 1, 1.14). Das Projekt Gottes für die Welt wurde Wirklichkeit als das Wort Fleisch wurde und "sein Zelt unter uns aufschlug". Das griechische Wort, das in Joh 1,14 gebraucht wird, heisst “eskênôsen”, ist abgeleitet vom Ausdruck “skêne”, der für 'Zelt' steht. Nach dem vierten Evangelium, welches das Exodus Ereignis widerspiegelt, "schlug das Göttliche Wort sein Zelt" unter uns auf - "baute nicht seinen Tempel!” Ein Tempel ist fixiert, ein Zelt ist beweglich oder, mit andern Worten, wo immer die Menschen sind, dort ist das Göttliche Wort unter ihnen, Mensch geworden in der Person und im Projekt Jesu von Nazareth. In ihm und durch ihn handelt das Wort und bringt Erlösung hier auf die Erde. Wir können sagen, dass das Geheimnis des Wortes als Mittelpunkt die Person Jesu hat, die untrennbar ist von seiner Sendung und seinem Projekt.
Hier haben wir einen der grundlegenden Fäden für das Weben unserer neuen Spiritualität - die Person Jesu von Nazareth und sein Projekt für die Menschheit. Aber wir sollten uns fragen: "Woher erhielt Jesus diese Vision, was war seine Inspiration, seine Motivation? Wir müssen die Tatsache der Inkarnation sehr ernst nehmen, den Skandal der Menschwerdung des Göttlichen Wortes, das vor zweitausend Jahren sein Zelt unter den Armen Galiläas aufschlug. Für ihn, wie für uns, war es eine Herausforderung, den Willen des Vaters zu entdecken und mit diesem Willen ein entsprechendes Lebensprogramm zu weben. Auch die Entdeckung seiner Mission und seiner Identität kam für Jesus nicht automatisch, noch ist es so für Ordensleute von heute. Der Brief an die Hebräer unterstreicht den Prozess, den Jesus durchmachte, sehr klar, wenn er erklärt: "Obwohl er der Sohn war, hat er aus seinem Leiden Gehorsam gelernt“ (Heb 5,8).
Innerhalb dieses Prozesses spielte das Wort Gottes in den jüdischen Schriften eine wegweisende Rolle. Während dreissig Jahren nährte Jesus seine Spiritualität und seinen Glauben an den gleichen Quellen wie seine leidenden Volksgenossen aus dem Inneren Palästinas die Spiritualität der “Anawim”, den "Armen Jahwes", mit dem besonderen Akzent auf der Verkündigung von Deutero und Trito Jesaia, Deutero Sacharia und Zefania. Es war im Dialog mit dem Wort Gottes in den Schriften, ausgedrückt durch diese prophetischen Stimmen einerseits und der Realität des armen, leidenden und unterdrückten Volkes andererseits, dass für Jesus seine eigene Identität und Sendung klar wurde und er diese in die Praxis umsetzte.
Lukas drückte das Selbstverständnis Jesu aus im Text über seinen Besuch in der Synagoge von Nazareth, wo er aufgewachsen war, mit andern Worten, wo er seinen Glauben entdeckte und darin wuchs, als, während des Gottesdienstes, er einen Text aus Trito-Jesaia wählte und seine Sendung mit jener des Gottesknechtes (Lk 4, 18-19) gleichsetzte. Der Rest des Evangeliums ist die Umsetzung dieses Sendungsverständnisses des Göttlichen und menschgewordenen Wortes, dessen Sendung jetzt weiter geführt wird in der Gemeinschaft seiner Jünger die, vom Heiligen Geist getrieben, ihre Charismen und Gaben in den Dienst des Reiches Gottes stellen. In der Weiterführung des Dialogs zwischen dem Wort Gottes in der Bibel und der Wirklichkeit des Volkes, entdecken die Jünger Jesu ihre Sendung als Weiterführung der Sendung dessen, der Mensch wurde, damit alle "das Leben haben, und es in Fülle haben ” (Joh. 10,10).
Angefangen mit Miriam bis zu den Ordensleuten von heute,
darf 'das prophetische Wort' nicht verstummen
Ein besonderes Instrument in dieser Vernetzung von Jüngern ist das vom Wort ins Leben gerufene Ordensleben, das mit der Einladung, die Erfahrung des Wortes auf vielerlei Weise zu vertiefen gemäss dem in der Intuition der Gründergenerationen verwurzelten Charisma der eigenen Gemeinschaft.
Durch die ganze Geschichte des Volkes Gottes hindurch rief das Wort Gottes nicht nur ins Leben und versammelte, sondern belebte und unterstützte auch. Obwohl es sich nur um ein winziges und unbedeutendes Volk auf der Weltbühne handelte - "du Wurm, Jakob" - in den Worten von Deutero-Jesaia (Jes 41,14), hielt das Wort seine Utopie und sein Ideal aufrecht, und liess niemals zu, dass das Projekt Gottes aus dem Gedächtnis Israels ausgelöscht würde, trotz der Anstrengungen der herrschenden Elite, die ihre unterdrückenden Projekte oft hinter der Maske der Religion versteckte. Als sich die Monarchie mit ihren Ungerechtigkeiten und ihrer Unterdrückung ausweitete, liess sich das Wort hören in freimütiger Opposition durch die Männer und Frauen, die Gott zum prophetischen Dienst inmitten seines Volkes gerufen hatte. Zur richtigen Zeit hielt das Wort Gottes den Widerstand des Volkes aufrecht durch die Predigt und das Beispiel von so verschiedenen Persönlichkeiten wie der Richterin Debora, dem intellektuellen Jesaia, dem Dichter Hosea und dem Hirten Amos. Sie verkündeten das Wort Gottes und brandmarkten alles, was diesem entgegenstand als Verteidiger der Schwachen und Gegner der Mächtigen. Selbst verfolgt und unterdrückt, waren sie Männer und Frauen des Wortes. Was sie am meisten charakterisierte, war ihre Heftigkeit. Sie waren voll Leidenschaft. Sie überzeugten andere, weil sie selber von ihrer Botschaft überzeugt waren. Sie spiegelten die kritische Situation ihrer Gesellschaft wieder. Sie waren erfüllt vom Heiligen Geist und lebendiger Ausdruck seines Wortes.
Anders als andere Gesellschaftskritiker, definierten sich die Propheten durch ihre Beziehung zu Gott, wie es auch die Propheten im Ordensleben heute tun müssen. Ihr Wort entstammte dem Wort Gottes. An der Wurzel ihrer Identität und Sendung lag eine grosse Gotteserfahrung, wie wir aus den folgenden Texten ersehen können: Am 7,10-15; Hos 1-3; Jer 1,4-10; Jes 6,1-13; Ez 6,1-3.11; Jes 40, 1-11 etc.
Ohne diese tiefe Gotteserfahrung wäre ihr Prophetentum leicht zu einer blossen Ideologie oder Demagogie entartet und heute muss das Ordensleben auf einer echten Gotteserfahrung gründen in der Nachfolge Jesu, in dem die prophetische Tradition ihre Endgültigkeit erreichte. Eine Spiritualität des Ordenslebens, die nicht der lebendige und immer neue Ausdruck der mit der Taufe verbundenen prophetischen Sendung ist, wäre undenkbar. Tatsächlich war die Entstehung des Ordenslebens in der Kirche an sich schon ein Ausdruck von Prophetie. Die Propheten sprachen in Wort und Tat immer dann, wenn sie die Gefahr sahen, dass Gottes Projekt für die Menschheit erstickt werden könnte. In diesem Sinn können wir auch den Anfang des Ordenslebens in der Kirche verstehen.
In den Tagen der Verfolgung, war die frühe Kirche, trotz ihrer Schwierigkeiten, beschwingt und begeistert. Christsein bedeutete das Risiko, als umstürzlerisch angesehen zu werden und möglicherweise Martyrium. Aber nach dem Edikt von Mailand im Jahr 312, verliess die Kirche die Katakomben und Christsein wurde mehr als akzeptabel. Die Zahl der Christen wuchs, aber die Kirche “verlor ihre erste Liebe” (Offb 2, 4). Die Radikalität im Glaubensleben, die sich einst im Martyrium zeigte, wurde verdunkelt. Die Kirche brauchte ein neues Zeugnis für die radikale Nachfolge Jesu, ein Zeugnis, das eine starke, prophetisch Stimme sein sollte, sowohl für die Kirche selber als auch für die Welt. In diesem Kontext zeigte sich ein neues Phänomen im Leben der Kirche die Anfänge des Geweihten Lebens, angefangen mit den Wüstenvätern. Diese versuchten, die radikale Dimension unseres Glaubenszeugnisses wieder zu erlangen in einer Kirche, die beinahe zusammengekoppelt war mit der herrschenden Gesellschaftsschicht. Die erste Bewegung des Ordenslebens verstand sich als Herausforderung für eine Kirche, die ihren Weg verloren hatte, die ihrer prophetischen Sendung und den konkreten Optionen Jesu wenig Aufmerksamkeit schenkte, und die gut integriert war in der herrschenden Gesellschaft, welche die Massen unterdrückte und ausschloss.
So können wir auch unsere Gründer und Gründerinnen verstehen. Sie entdeckten und reagierten auf eine Lücke im Leben und im Zeugnis der Kirche. Sie spürten die Anrufe Gottes und des von der Institution vergessenen, unterdrückten und zum Schweigen gebrachten Volkes. Franziskus und Klara von Assisi hörten den Schrei der Armen in einer Kirche, die beherrscht war von den Reichen, und zum grossen Teil mit ihnen verbündet war; Vinzenz von Paul und Louise de Marillac erspürten den Schrei der Ausgeschlossenen in den Strassen von Paris; mein eigener Gründer, Arnold Janssen und die Männer und Frauen seiner Gründergruppe waren skandalisiert von der Tatsache, dass es kein einziges Missionsinstitut gab für die deutschsprachige Kirche, und so weiter. Sie beabsichtigten nicht immer, eine Kongregation zu gründen, das war oft erst der zweite Schritt. Aber sie waren in Wort und Tat die Fortsetzung der Tätigkeit des Wortes Gottes, das oft von der Institution Kirche vernachlässigt wurde, die mehr darum bemüht war, die Strukturen zu erhalten als um den Anruf des Geistes.
Diese Frauen und Männer, Instrumente des Wortes Gottes, waren der Kirche nicht immer willkommen, denn das Wort Gottes, das von irgend jemand und von jemand, den Gott wählt, verkündigt wird, ist “lebendig und kraftvoll, schärfer als jedes zweischneidige Schwert; es dringt durch bis zur Scheidung von Seele und Geist, von Gelenk und Mark; es richtet über die Regungen und Gedanken des Herzens”(Heb 4, 12s).
Durch die verschiedenen Gründungen des Ordenslebens, wird das Wort inkarniert in die Praxis durch die Charismen, die der Geist der Kirche und der Welt schenkt zur Fortführung der Missio Dei, dem Projekt Jesu Christi. Hier müssen wir immer daran denken was wirklich wichtig ist, ist das Charisma und nicht die Kongregation. Das Wort ist ewig, aber sein Ausdruck in einem bestimmten Orden, einer Kongregation oder einem Werk, ist so nicht notwendig. Wir brauchen eine ständige Unterscheidung um zu prüfen, ob unsere Praxis immer noch den Bedürfnissen des Volkes und der Kirche in neuen Situationen entspricht und mit unserm Charisma im Einklang steht. Unser grundlegendes Engagement gilt nicht unserm institutionellen Überleben, sondern unserer prophetischen Sendung.
Jüngerschaft, gelebt in einer neuen Wirklichkeit durch unsere Charismen
So können wir einige weitere Fäden entdecken, die in das Tuch unserer neuen Spiritualität eingewoben werden müssen die Jüngerschaft mit Jesus; das Lesen der Wirklichkeit aus der Sicht der Armen und Ausgegrenzten, durch “hören”, “sehen”, “wissen” und “herunter kommen” so wie Gott es tut, um dem Volk zu helfen, in jeder Beziehung frei zu sein; und unsere Charismen, Gaben des Geistes an die Kirche und die Welt, durch unsere Gründergenerationen, die prophetische Stimmen für die Kirche und die Welt ihrer Zeit waren. Jedes dieser Elemente braucht eine ständige Aktualisierung und Vertiefung, damit das Ordensleben wirklich Ausdruck der Jüngerschaft mit dem menschgewordenen Göttlichen Wort sein kann und nicht nur ein Überbleibsel vergangener Zeiten, das von der Erinnerung an vergangene Erfolge lebt und angekettet ist an archaische Strukturen und devotionale Formen, die den modernen Menschen nicht mehr ansprechen.
Es gibt keine dringendere Frage für uns heute auf dem Gebiet der Spiritualität als jene unserer durch Mission gelebten Jüngerschaft mit Jesus. Das beinhaltet eine echte Leidenschaft für die Person und das Projekt des Erlösers, nicht auf sentimentale Weise, die typisch war für viel Devotionalismus in der Vergangenheit, sondern durch eine starke Erfahrung von Person und Projekt des Jesus von Nazareth. Der Dialog zwischen Jesus und seinen ersten Jüngern im vierten Evangelium hilft in dieser Beziehung (Joh 1, 37-39). Als Jesus merkte, dass Andreas und ein anderer Jünger ihm folgten, fragte er sie: “Was sucht ihr”? Das ist die fundamentale Frage für jede Ordensperson und jede Kongregation was suchen wir wirklich? Sie antworteten: “Meister, wo wohnst du?” Sie wollten nicht seine Adresse wissen, sondern wollten seinen Lebensstil kennen, sein Lebens Projekt, seine Werte. Anstatt ihnen eine theoretische Antwort zu geben, antwortete Jesus: "Kommt und seht!" Das heisst, es ist nicht möglich, durch Studium und Theorien allein eine tiefe Erfahrung von Jesus zu haben; diese kann nur geschehen durch die gelebte Jüngerschaft im engen Kontakt mit dem Meister. Es ist von grösster Dringlichkeit, dass wir den Jesus der Evangelien wieder entdecken, Jesus von Nazareth, und nicht eine Karikatur, wie sie so oft von fundamentalistischen Gruppen mit wirtschaftlichen Interessen angeboten wird. Obwohl die Bibel sagt, dass Gott Mann und Frau nach seinem Bild und Gleichnis schuf, sind wir es tatsächlich oft, die Gott nach unserm Bild und Gleichnis schaffen. Etwas Ähnliches passiert mit Jesus oft schaffen wir uns ein Bild von Jesus, das wenig oder nichts zu tun hat mit dem wirklichen Jesus von Nazareth entweder klammern wir uns an ein sentimentales Andachtsbild, das wenig oder keine biblische Grundlage hat, oder an eine Jesus "light" Version, wie sie die Massenmedien so sehr lieben, an einen Jesus, der uns nicht stört, unsere Optionen und unsere Gesellschaft nicht hinterfragt, sondern, im Gegenteil, als Schmerzmittel für unser Gewissen wirkt, indem er unsere Aufmerksamkeit vom Reich Gottes und seinen Armen ablenkt zu einem Jesus, der unsern Wünschen und Launen dient, die nach sofortiger persönlicher Befriedigung rufen. Das Kreuz wird ausgeklammert!
Das sollte uns nicht wirklich überraschen es war auch das Problem der Jünger vom ersten Anfang an. Das Markus Evangelium, das älteste, hat als seinen Mittelpunkt Mk 8, 27-35, den Text, der vom Vorfall auf dem Weg von Cäsaräa Philippi berichtet. Jesus hatte eine harmlose Frage gestellt: "Für wen halten mich die Leute?" Harmlos war diese Frage, weil sie nicht nur die Person betrifft, die antwortet. Jesus richtet diese Grundfrage an jeden Jünger zu allen Zeiten: “Für wen hältst du mich?” Im Text scheint Petrus die richtige Antwort gegeben zu haben, wenn er sagte: “Du bist der Christus”. Aber das nachfolgende Gespräch zeigt, dass er nur in der Theorie richtig war nicht in der Praxis, da es für ihn unverständlich war, dass der Messias leiden sollte eine sehr postmoderne Ansicht in unserer Welt, wo alles erlaubt ist, ausser dem Opfer! Diese Unfähigkeit des Petrus, den wirklichen Jesus und die Herausforderungen der Jüngerschaft mit ihm zu verstehen, brachte ihm eine der schärfsten Zurechtweisungen in der Bibel ein: “Weg mit dir, Satan, denn du hast nicht das im Sinn, was Gott will, sondern was die Menschen wollen”. Im Text macht Jesus die Konsequenzen seiner Nachfolge sofort klar und weist eine Karikatur zurück: “Wer mein Jünger sein will, der verleugne sich selbst, nehme sein Kreuz auf sich und folge mir nach ” (Mk 8,34).
Es gibt keine dringenderen Fragen, die wir beantworten müssen wenn wir versuchen, unsere Spiritualität zu erneuern, als diese: “Wer ist Jesus für mich zu dieser Zeit meines Lebens?” und “Was bedeutet es, sein Jünger zu sein für das geweihte Ordensleben heute?”
In Wirklichkeit wird die Antwort nicht so sehr mit Worten gegeben werden, als vielmehr mit unsern Händen und Füssen! Es ist in der täglichen Praxis unserer Sendung wo wir die Antworten zeigen. Die Sendung ist die praktische Konsequenz unserer Spiritualität der Jüngerschaft. Nochmals: das Evangelium lässt gar keinen Zweifel darüber, sondern umschreibt die Sendung Jesu, und folglich auch die unsere, ganz klar. Vielleicht der beste Besispieltext in dieser Hinsicht ist die Beschreibung des Besuches Jesu in der Synagoge von Nazareth, als er zurück kam zu seinen kulturellen, sozialen und religiösen Wurzeln, um sein Missionsprogramm einzuleiten, und als Lesung den Text aus Jesaia (Jes 61,1-3) wählte (wobei Lukas sich die Freiheit nimmt, zu verändern, Hinweise, die eine nationalistische Auslegung erlauben könnten, auszulassen): “Der Geist des Herrn ruht auf mir; denn der Herr hat mich gesalbt. Er hat mich gesandt, damit ich den Armen eine gute Nachricht bringe; damit ich den Gefangenen die Entlassung verkünde und den Blinden das Augenlicht; damit ich die Zerschlagenen in Freiheit setze und ein Gnadenjahr des Herrn ausrufe” (Lk 4, 18-19).
Eine Spiritualität , die sich auf die Nachfolge Jesu gründet, wird notwendigerweise zu Evangelisierung führen, welche die Elemente von der oben beschriebenen Sendung Jesu integriert. Wir sind vom Geist gesalbt, daher sind wir alle "andere Christusse". So ist ein echter Prozess der Entscheidungsfindung, sowohl auf persönlicher wie auch auf gemeinschaftlicher Basis, unverzichtbar, um zu klären was es heute heisst, "den Armen die Gute Nachricht zu bringen", “den Gefangenen die Entlassung zu verkünden”, “den Blinden das Augenlicht”, " die Zerschlagenen in Freiheit zu setzen”, “das Gnadenjahr des Herrn auszurufen”. Es besteht gar kein Zweifel darüber, dass innerhalb dieser weltweiten Sendung der Kirche, das Ordensleben in der Vorhut sein sollte. Unsere Spiritualität muss uns dazu bringen, die Armen als die ersten Empfänger unserer Verkündigung und unserer apostolischen Bemühungen zu haben und vergessen wir nicht, dass der Ausdruck, den Lukas für 'die Armen' gewählt hat, “ptochois”, praktisch die "Bedürftigen" bedeutet. In einer Welt, die Armut und Ausgrenzung globalisiert hat, sogar auch in der sogenannten "Ersten Welt", fordert uns die Spiritualität der Jüngerschaft heraus, sehr konkrete Fragen zu beantworten: Sind die Armen wirklich die erste Sorge unserer Sendung? Oder haben wir die Ideologie der Hegemonie, die von den Massenmedien verbreitet wird, in solchem Mass - beinahe in einer Art Osmose - absorbiert, dass wir die Werte unserer hedonistischen Konsumgesellschaft annehmen? Unsere Spiritualität muss uns befreien von den Ketten des Egoismus, des Konsums, von den Götzen der Macht, des Besitzes, des Geniessens, die mit einer gewissen Leichtigkeit unser Leben und unsere Tätigkeiten durchdringen und das radikale Leben nach der Botschaft des Evangeliums und unser prophetisches Zeugnis verwässern. Sie muss uns in erster Linie helfen, unsere Fähigkeit zu sehen wieder zu erlangen - es ist beachtlich, dass die Blinden, die Jesus in den synoptischen Evangelien heilte, nicht von Geburt an blind waren, wie in Joh 9, sondern sie waren Blinde, die ihr Augenlicht verloren hatten. Das gleiche Phänomen kann oft im Ordensleben beobachtet werden - wir können die ursprüngliche Vision unserer Gründergeneration verlieren und uns begnügen mit Effizienz in unsern Werken, was uns gelegentlich einfach zu einem weiteren Rädchen im Getriebe und im Dienst der effizient funktionierenden neoliberalen Gesellschaft macht. Damit wir nicht zu "blinden Führern von Blinden" werden, muss unsere Spiritualität uns mit dem blinden Bartimäus ausrufen lassen: “Herr, ich möchte wieder sehen können” (Mk 10,51). Wir müssen mit den Augen Jesu sehen, der die Wirklichkeit dieser Welt aufgrund von Kriterien interpretierte, die sich orientierten an seiner Erfahrung mit dem Gott der Bibel und seiner Analyse der schmerzlichen Wirklichkeit seines Volkes, dessen Leiden oft gerechtfertigt wurde mit einer Ideologie, die sich durch die vorherrschende religiöse und politische Elite als Theologie ausgab. Es kann keine Spiritualität geben ohne konkrete Konsequenzen, und dieser Lukastext gibt uns ein Instrument, das wir anwenden können, um die Echtheit unserer Spiritualität zu bewerten, indem wir die Elemente unserer missionarischen Tätigkeit analysieren.
Das Ordensleben ein Instrument für das Reich Gottes
Wenn wir über diese Frage der Spiritualität nachdenken, müssen wir daran denken, dass das Ordensleben, wie die Kirche als solche, nicht Selbstzweck ist, sondern ein Instrument für das Reich Gottes, für jenes Gottesreich also, das in unserer Mitte ist, das wir alle paradoxerweise erfahren als, “bereits da, und zugleich noch nicht!” Das Ordensleben ist ein Geschenk Gottes an die Kirche und an die Welt, für das Reich Gottes. So wird uns eine neue Spiritualität hinführen zu einem fruchtbaren und dialektischen Dialog mit diesen beiden Wirklichkeiten.
Die Institution Kirche scheint in diesen letzten Jahren auf vielen Gebieten Rückschritte gemacht zu haben. Aus diesem Grund erfahren viele Menschen eine echte Krise für ihren Glauben und ihre Zugehörigkeit. An vielen Orten hat die Geissel des Klerikalismus ihre Blüten getrieben, besonders unter den jüngeren Priestern, einschliesslich Ordensangehörigen, - Und Klerikalismus ist sehr verschieden von dem grossen Geschenk des geweihten Dienstes eines Presbyters. Sehr oft verschwindet der Aspekt des Ordensmannes beinahe hinter dem des Priesters (Presbyters) und versinkt in den Beschäftigungen des priesterlichen Dienstes. Hier haben Ordensfrauen eine wichtige Rolle wahrzunehmen: das Zeugnis dafür, dass das Ordensleben seiner Natur nach zum Laienstand gehört; daher soll es sich gegen alle Versuche wehren, dieses Leben als blosse Ausweitung der hierarchischen Institution zu integrieren. Der anhaltende Ausschluss von Frauen von Beschluss fassenden Gremien ist weiterhin ein grosses Problem und nimmt gelegentlich skandalöse Proportionen an. Es hat auch bedeutende Verluste an Glaubwürdigkeit gegeben, besonders in gewissen Ländern, wegen sexuellen Skandalen, vor allem unter Priestern. Ein überaus negatives Element in diesen Jahren war die Wucherung von Bewegungen, Gruppen und Initiativen von katholischen Erweckungsbewegungen, die sich angeblich für einen christlichen Glauben individualistischer, intimistischer, fundamentalistischer, devotionaler, entfremdeter und triumphalistischer Prägung entscheiden. Die Zeiten haben sich verändert, zumindest in Lateinamerika, wo nach einigen Jahrzehnten intensiver, prophetischer Evangelisierungstätigkeit die nicht wenige Leben und viel Leiden kostete, die aber eine neue Blüte kirchlichen Lebens und des Ordenslebens brachte. Ein neuer Wind ist über den Kontinent hinweggefegt, und offensichtlich auch über die Kirche und das Ordensleben. Mit wenig Ausnahmen riskieren wir kein blutiges Martyrium mehr. Aber das "Empirium" (???) setzt seine dominierende und unterdrückende Politik fort. In Wirklichkeit wird die grosse Mehrheit zermalmt unter seiner wirtschaftlichen und militärischen Macht. Die wichtigsten Entscheidungen werden in den Wirtschaftszentren der Welt getroffen, ohne Bezug auf die wirklichen Bedürfnisse des Volkes, ausgeführt durch Politiker, die sehr oft korrupt und eingestimmt sind auf die Prinzipien des Neoliberalismus. Ganze Völker werden den Forderungen des Gewinns geopfert, aus ihren Ländern verbannt und zerstreut, ihre Familien, ihre kulturellen und religiösen Wurzeln werden zerstört, und all das im Namen des "Fortschritts", der "Entwicklung" oder der "Modernität". In dieser Situation verwundert es nicht, dass in grossen Teilen der Bevölkerung, in der bürgerlichen Gesellschaft, wie auch in den Kirchen so viel Depression, mangelnde Begeisterung, Unglaube und Skepsis angetroffen wird. Es ist dringender denn ja, ein dynamisches, glühendes und prophetisches Ordensleben zu entwickeln, einen Kanal für die Stimme Gottes, das der Versuchung, sich der materialistischen Konsumgesellschaft anzuschliessen, widersteht, und das die radikale Bedeutung seiner Existenz, klar auf der Seite der Armen und Ausgegrenzten zu sein, neu entdeckt.
Das Ordensleben, wie die Kirche selbst, sieht sich der Frage gegenüber, wie man in der Welt sein kann, ohne von der Welt zu sein (vgl Joh 17,16). Während Jahrhunderten sah die Kirche und daher auch das Ordensleben die Welt viel eher als einen Ort der Bosheit, der Gefahr, des Teufels, als einen Ort der Begegnung mit Gott. Diese Sicht wurde vom Zweiten Vatikanum in Dokumenten wie "Gaudium et Spes" kategorisch abgelehnt. Weit davon entfernt, das Reich des Bösen zu sein, ist die Welt die Bühne für das Heilswirken Gottes und daher für Ordensleute: “Wie du mich in die Welt gesandt hast, so habe ich sie in die Welt gesandt” (Joh 17,18). Anstelle von “fuga mundi”, sind wir eingeladen, uns in die Welt einzubringen als "Salz der Erde und Licht der Welt, als Sauerteig im Mehl”. Die Welt wird zum Szenario für unser evangelisierendes Wirken, unser prophetisches Zeugnis. Wir sind eingeladen, die "Samen des Wortes" in der Welt, in den Kulturen, in den Religionen zu entdecken.
FÜR die Welt und IN der Welt, aber nicht VON der Welt
Es gelingt uns nicht immer, "in der Welt, aber nicht von der Welt" zu sein. Nach einer anfänglichen Begeisterung, richten sich viele Gemeinschaften und einzelne Ordensleute nach der modernen Welt aus und nehmen Ansichten und Werte der herrschenden Gesellschaft an. Oft unterscheiden wir uns nicht von der Welt, die uns umgibt; wir fordern sie nicht heraus, sondern wir lassen uns von ihr assimilieren. Unsere prophetische Stimme und unser evangelisches Zeugnis wird schwächer, und wir hören auf, die störende, hinterfragende und befreiende Gegenwart Jesu und seines Wortes zu sein in einer Gesellschaft der Unterdrückung und der Ausgrenzung. Es wäre weder möglich noch wünschenswert, dass wir vom Prozess der Postmoderne unberührt bleiben, der, ambivalent wie alle menschlichen Prozesse, viele positive Dinge mit sich bringt. Aber wie oft akzeptieren wir ihn ohne kritische Analyse, und nicht immer in seinen positiven Seiten. Subjektivismus kann leicht entarten zu Individualismus, Freiheit kann ethische Anarchie werden, Achtung vor materiellen Gütern, reines Konsumdenken. Die Welt verfolgt uns gewöhnlich nicht so, wie sie die ersten Jünger Jesu verfolgte, weil wir für sie keine Bedrohung darstellen! Im Gegenteil, wie oft wenden wir unsere Augen ab vom Elend, das uns umgibt und schaffen eine Religion, die sentimental und intimistisch ist, ohne Engagement für eine Verwandlung der Gesellschaft , oft genährt von einem fundamentalistischen Lesen der Schrift? Wir lassen es zu, dass Jesus und sein Evangelium gleichsam entführt werden zugunsten von Entfremdung und des Status quo, und wir werden Diener eines Wortes, das sogar götzendienerischer ist als jenes des ersten Jahrhunderts, weil es Profit sakralisiert, die gute Nachricht von Wettbewerb predigt, die Mehrzahl von Gottes Töchtern und Söhnen ausschliesst und Gier und Anhäufung beklatscht. Jede Religion, die diese Situation akzeptiert, ohne sie anzuprangern, ist götzendienerisch, auch wenn sie den Namen Jesu anruft und Gottesdienste in christlichen Kirchen feiert!
Wie die ersten Christen müssen wir in der Welt sein aber gegen den Trend gehen, nicht weil wir sektiererisch sind, sondern weil wir eine andere Sicht haben, eine, die aus dem Wort Gottes geboren ist dem Wort von Jesus, vom Reich Gottes, der Geschwisterlichkeit, Solidarität, Gerechtigkeit und Einbeziehung, eine Vision, die im Neuen Testament mehr als klar ist. Wenn wir das Gebet des Herrn beten, verpflichten wir uns dazu, Rassismus, Männlichkeitswahn (Machismo), Sexismus, Klerikalismus, Fremdenfeindlichkeit, und jede andere Ideologie, die uns trennt, zu verwerfen! Wir sind herausgefordert, mit der Gesellschaft, den Kulturen und religiösen Traditionen einen echten prophetischen Dialog zu suchen, immer im Bemühen, das Reich Gottes aufzubauen. Wir müssen wachsam sein, damit dem Reich Gottes entgegengesetzte Werte, die als positive daherkommen, uns nicht ablenken von unserer wahren Identität und Sendung. Auf der Suche nach einer “neuen Spiritualität” in einer Welt, die stark beeinflusst ist von postmodernem Denken, ist es nicht selten, dass Gott ersetzt wird durch eine vage “kosmische Kraft”, Gnade durch Energie, Erlösung durch sofortige Befriedigung, mit sehr wenig Platz, wenn überhaupt, für eine gemeinschaftliche Vision, für ein Leben, das sich selbst hingibt. In dieser Sicht wird Jesus von Nazareth, der verfolgte Prophet, ersetzt durch einen "Christus" ohne Kreuz, ohne einen Plan für die Menschheit, ohne konkrete Optionen für die Armen und Unterdrückten. Auf der andern Seite begegnen wir oft Ordensleuten, die sich in emotionale Manifestationen von einer Art Pfingstbewegung flüchten mit einem dualistischen oder gar manichäistischen Vokabular und einer Tendenz alles zu verteufeln, das zur materiellen Welt gehört. Manchmal werden sentimentale Ausbrüche der stillen Meditation in der Lectio Divina, dem Wort Gottes, vorgezogen - das konkretes Handeln für die Armen verlangt. Wir sind wohl alle schon in Kontakt gekommen mit Fällen, wo das Ordensleben bei der ersten Krise aufgegeben wurde, ohne jeden Kampf, ohne bemerkenswerte Anstrengung zur Entscheidungsfindung, scheinbar zur Bestätigung der postmodernen Doktrin, dass permanente Verpflichtung nicht mehr möglich ist! Wir sollten uns davor hüten, alles zu verteufeln, das zur Postmoderne, zum New Age, oder zu andern Traditionen gehört. Aber lasst uns wachsam sein in unserer Unterscheidung, damit wir in unserm Streben nach Dialog mit postmodernen Kulturen nicht den Verlust unserer eigenen Identität riskieren. Der Brief an die Hebräer gibt uns einen Hinweis, damit wir unsern Weg nicht verlieren: “Lasst uns mit Ausdauer in dem Wettkampf laufen, der uns aufgetragen ist, und dabei auf Jesus blicken" ” (Hebr 12,1)
In einer Gesellschaft, die das Oberflächliche und das Unmittelbare schätzt, wo beinahe alles entsorgt werden kann, und wo "haben wichtiger ist als sein", ist es wichtig, wachsam zu sein. Das nachsynodale Dokument “Vita Consacrata” warnt uns: “Von jedem von uns ist nicht so sehr der Erfolg als die Verpflichtung zur Treue verlangt. Was unbedingt vermieden werden muss, ist die wirkliche Niederlage des geweihten Lebens, die nicht in der zahlenmässigen Abnahme, sondern im Schwinden der geistlichen Hinwendung zum Herrn und zur eigenen Berufung und Sendung besteht”(VC 63).
Verwurzelt in der Vergangenheit, pulsierend in der Gegenwart, begeistert über die Zukunft
Der Presbyter Johannes deutete eine Erneuerung an, als er an eine seiner schwankenden Gemeinschaften schrieb: “Denk daran, was du empfangen und gehört hast! Halte dich daran!” (Offb 3,3) Diese Einladung kann als Hinweis für das Ordensleben dienen in seinem Bestreben, wirklich lebendig zu sein. Um treu zu sein, müssen wir unsere Identität ständig neu überdenken oder neu erfinden, indem wir zu den Wurzeln zurück kehren, zum Grund unserer Existenz. Wir brauchen den Mut, im Vertrauen auf die Gegenwart Gottes oft im Dunkel zu gehen - eine schwierige Erfahrung, und eine, die nur unternommen werden kann, nachdem man eine tiefe Gotteserfahrung gemacht hat. Die Alternative besteht darin, uns in den Dienst der herrschenden Gesellschaft zu stellen - und dabei unsere Finanzen, unsere Werke und wahrscheinlich auch unsere Mitgliederzahlen zu sichern, während wir riskieren, ein Ordensleben zu werden, das “dem Namen nach lebt, aber in Wirklichkeit tot ist” (Offb 3,1). Das ist ein echtes Risiko, denn die Welt wird eine Kirche und ein Ordensleben immer loben, das sie nicht herausfordert, sondern ihren Interessen dient. Ein Ordensleben, das Verborgenes demaskiert, das dem Schrei der Unterdrückten seine Stimme gibt, wird das herrschende System, das genau auf der Ausbeutung der Millionen basiert, nie interessieren. Ein prophetisches Ordensleben wird nie das Wohlwollen einer unterdrückenden Macht geniessen - ob diese nun bürgerlich, militärisch oder religiös ist!
In diesem Zusammenhang ertönt das Wort Gottes wie damals in einer Krisenzeit vor 2600 Jahren: “Es gibt Hoffnung für eure Zukunft” (Jer 31,17) verkündete der Prophet Jeremia seinem Volk. Diese Hoffnung hat einen festen Grund - die einzige Grundlage für eine neue Welt, die Tatsache, dass Gott existiert und handelt. Nicht der Gott, der Unterdrückung rechtfertigt und legitimiert, wie eine rechtsgerichtete fundamentalistische Lesart der Schrift verkündet, sondern der wahre Gott der Bibel, der Gott Jesu Christi, der Gott, der auf die Welt schaut und das Elend seines Volkes sieht, seinen Schrei hört, ihre Leiden kennt und heruntersteigt, um sie zu befreien. (vgl Ex 3,7-10).
Trotz der Haufen von Dokumenten von Provinz- und Generalkapiteln, spielt das Wort Gottes für viele Ordensleute und Ordensgemeinschaften, in ihrem Leben und ihrer Spiritualität weiterhin eine nebensächliche Rolle. Das ist beunruhigend, denn es bedeutet, dass ein beträchtlicher Teil des Ordenslebens ohne eines seiner wesentlichen Elemente auszukommen versucht dem Wort Gottes. So kann man den Grund für eine solche Verbreitung von Ersatzelementen leicht erklären hochemotionale Feiern, frenetisches Suchen nach Wundern, Personenkult mit gewissen Leitern von Bewegungen, äussere Zeichen, wie mittelalterlich militärisch anmutende Kleidung, die mehr ein blutiges und unterdrückendes Christentum suggeriert als den Zimmermann von Nazareth, Normen und nochmals Normen während das Wichtigste, das Wort Gottes, auf die Seite gedrängt wird. Wir müssen glauben, dass Gott durch sein Wort und seinen Geist das Leben seines Volkes bewegt und lenkt. Das Ordensleben gründet sich auf das Hören und das Antworten auf Gottes Wort. Das Konzil forderte, dass alle Predigttätigkeit der Kirche, und in der Tat die ganze christliche Religion vor allem auch das Ordensleben genährt und geleitet werden muss durch die Heilige Schrift (DV 21).
Das bedeutet eine Veränderung der Mentalität indem die Bibel die "Seele der heiligen Theologie" (DV 24) wird, und daher auch die Seele aller Evangelisierung, damit das Verständnis und das Beten der Heiligen Schriften innerhalb der Tradition die bewegende Kraft der Verkündenden wird und alle formativen und pastoralen Tätigkeiten belebt (vgl. Katechismus der Katholischen Kirche, Nr. 113). Ein Metapher kann uns vielleicht helfen, das besser zu verstehen: Die Bibel ist kein zusätzlicher Ast am Baum der Kirche, ein weiteres Element unter den Übungen im Ordensleben, sondern der Saft, der den Stamm und alle Äste des Baumes durchdringt! Das heisst, wir müssen versuchen, von der "Anregung zur biblischen Formation" im Sinn eines weiteren Punktes auf der Themenliste unserer anfänglichen und ständigen Formation, weitergehen, zu “Biblische Animation des Ordenslebens”. Das lebendige Wort Gottes, das über die gedruckte Bibelseite hinaus geht, muss zur Quelle und zum Modell für jede kirchliche Aktivität werden. In diesem Prozess der Erneuerung unseres Lebens durch das Wort Gottes handelt der gleiche Geist, der die Autoren der Heiligen Schrift inspirierte und die ersten Jünger bewegte in ihrer Verkündigung des gekreuzigten und auferweckten Jesus, welcher der wesentliche Schlüssel zur ganzen Bibel und zur ganzen Menschheitsgeschichte ist Die biblische Animation des Ordenslebens bedeutet nicht, die Anzahl von Kursen, Zusammenkünften und Studien über die Bibel in unsern Gemeinschaften zu erhöhen, obwohl auch das erfordert sein mag. Es bedeutet, das Wort zur transversalen Achse unseres Lebens und unserer Tätigkeiten zu machen, das uns zu einer echten Begegnung mit dem lebendigen Jesus führt, zu einem "authentischen Prozess der Bekehrung, der Communio und der Solidarität” (Ecclesia in America 3,8), durch das Lesen und Verstehen der biblischen Botschaft als Wort Gottes, die wahre Stütze und Kraftquelle der Kirche und des Ordenslebens, authentische Lebensregel und nie versiegender Quell des geistlichen Lebens und der Evangelisierung (DV 21).
Es ist unbestreitbar, dass das Ordensleben heute durch eine Krise geht weil die Menschheit selber in der Krise ist. Krisen sind immer schmerzlich, aber wenn man ihnen mit Ruhe begegnet, können sie überwunden werden und sogar für unsere Reife notwendig sein. Um ihnen zu begegnen braucht es Festigkeit und einige gleichbleibende Koordinate. Nochmals können wir den Propheten Jeremia hören: “Stell dir Wegweiser auf, setz dir Wegmarken; achte genau auf die Strasse, auf den Weg, den du gegangen bist ” (Jer 31,21).
Der grosse Wegweiser auf unserm Weg ist das Wort Gottes, das Wort, das die Treue eines Gottes offenbart, der sein Volk nie verlassen hat. Wie es die letzten geschriebenen Worte im Alten Testament ausdrücken: “In allem hast du, Herr, dein Volk gross gemacht und verherrlicht; du hast es nicht im Stich gelassen, sondern bist ihm immer und überall beigestanden” (Weish 19, 22). “Es gibt Hoffnung für eure Zukunft”, aber diese Hoffnung muss genährt werden durch eine ständige, betende Lesung der Bibel, aus dem Standpunkt des Gottes der befreit, der für uns in Jesus Mensch wurde, der Erlösung für alle brachte. Diese geistliche Nahrung, eingenommen in Gemeinschaft, ist unerlässlich zur schrittweisen Schaffung einer neuen Gesellschaft. Lasst uns die Worte des Engels an den erschöpften und entmutigten Propheten Elija ernst nehmen: “Steh auf und iss, sonst wird die Reise zu lang werden für dich!” (1 Kön 19,7).
Genährt mit dem Wort und dem Sakrament, und indem wir uns zu Herzen nehmen, was in Dei Verbum verkündet wurde, nämlich dass “die Kirche die Heiligen Schriften immer verehrt hat wie den Leib des Herrn selbst” (DV 21), lasst uns in prophetischen Worten und Taten der Welt, der Kirche und dem Ordensleben selber verkünden, dass “es Hoffnung gibt für eure Zukunft”. Aber, um in unseren evangelischen Optionen für die Armen und Ausgegrenzten Ausdauer zu haben, ist es absolut notwendig, dass unser Leben in einer tiefen Spiritualität verwurzelt ist, die sich auf das Wort Gottes gründet, und genährt wird durch eine regelmässige Lectio Divina, persönlich und in Gemeinschaft. Es genügt nicht, dass wir eine tiefschürfende Analyse machen vom gegenwärtigen Szenario der Welt (obwohl das unverzichtbar ist), noch dass wir eine ethische Empörung verspüren wegen der Leiden der Millionen (ebenfalls unverzichtbar) nichts kann den Platz der wahren Grundlage unserer Optionen einnehmen, welche die Optionen unseres Glaubens an den Gott Jesu Christi, den Gott des Exodus, sein müssen. Das beinhaltet bedingungslose Annahme des Kreuzes und Ernährung unseres Glaubens durch das Wort Gottes, “einer Lampe für unsere Füsse und einem Licht auf unserm Weg” (Ps 119,105), immer in einer Kontext bezogenen Lesung aus dem Standpunkt der Leidenden unserer Gesellschaft. In einer Gesellschaft des religiösen Synkretismus, die so viele scheinbar brauchbare Alternativen auf der spirituellen Ebene anbietet, lasst uns aufmerksam auf die Warnung des Paulus hören, wenn er, angesichts der Gefahr, die von der Elite in Korinth ausging, nämlich, dass der lebendige Glaube an Jesus durch griechische Philosophie ersetzt wird, eindringlich mahnt, dass “es keine andere Grundlage geben kann als jene, die gelegt ist, Jesus Christus” (1 Kor 3, 11) Jesus, das menschgewordene Wort Gottes, dessen Projekt uns durch die Seiten der Heiligen Schrift führt und herausfordert; durch die Sendung der Jüngerschaft sollen wir echte Instrumente des Reiches Gottes werden, die eine Spiritualität weben, die Hoffnung und Leben für alle hervorbringt, damit “alle das Leben haben, Leben in Fülle!”